Die Mucks – oder als der Twist nach Angeln kam

 

mucks_farbe Wenn man in den fünfziger Jahren Bälle oder andere Tanzveranstaltungen in Angeln besuchte, wurde die Musik überwiegend von Berufsmusikern mit klassischen Musikinstrumenten wie Klavier und Geige gemacht und dementsprechend war das Repertoire, das sie darboten. Doch das sollte sich Ende der fünfziger Jahre ändern. Die Kapelle „Die Mucks“ begann zu dieser Zeit, die jungen Menschen in Angeln mit ihren Auftritten zu begeistern.

Ich selbst habe die Kapelle zwar nie selbst auf der Bühne gesehen, aber meine älteren Schwestern erzählten oft Sonntags beim Mittagstisch von den Tanzveranstaltungen, die sie am Abend vorher besucht hatten und von den Auftritten der Mucks.

hc_schmidt Doch beginnen wir ganz am Anfang. zeitung_2 Seit 1950 gab es in Süderbrarup den Harmonika Club Süderbrarup geleitet von dem Süderbraruper Rundfunkhändler Alfred Schmidt. Der Harmonika Club hatte sich zum Ziel gesetzt, jungen Menschen durch die Ausbildung an Instrumenten wie z.B. Harmonika und Gitarre die Musik näherzubringen. In diesem Club begannen auch fünf der späteren sechs Muck-Mitglieder ihre Musikerlaufbahn. Und so traten die Mucks in der ersten Zeit auch als Tanzkapelle des Harmonika Clubs Süderbrarup auf, wie der Zeitungsausschnitt zur Feier des 10-jährigen Bestehens des Clubs zeigt. Später traten die Mucks dann als eigenständige Tanzkapelle auf.

muck4 Doch wer waren die Mucks, die sich zur leichteren „Kontaktanbahnung“ für ihr Publikum – verständlicherweise insbesondere für das weibliche – mit Muck 1 bis Muck 6 nummerierten und auf ihren Jackets entsprechend kennzeichneten? Die komplette Besetzung der Mucks sah (von links nach rechts) so aus:

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  • Rolf Engelhard (Muck 6) aus Süderbrarup, Schlagzeug
  • Herbert Schulz (Muck 2) aus Brarupholz, Akkordeon und Saxophon
  • Dieter Greggersen (Muck 1) aus Steinfeld, Akkordeon und Bass
  • Hans Heinrich Hennings (Muck 4) aus Süderbrarup, Gitarre, Bass, Hawaiigitarre
  • Karl-Heinz Andresen (Muck 5) aus Knopperdamm, Akkordeon
  • Klaus Querling (Muck 3) aus Süderbrarup, Gitarre, Akkordeon, Saxophon

Der Name der Kapelle ist übrigens spontan entstanden und ist vom hiesigen „Nationalgetränk“ Angler Muck abgeleitet. Schon bald legten sich die Mucks einheitliche rot-schwarz-karierte Jackets zu, die schnell zu ihrem Erkennungszeichen werden sollten. Diese Jacken wurden von einem Schneider in Steinfeld, der ein Nachbar von Dieter Greggersen war, zum Vorzugspreis maßgeschneidert.

mucks_probe_1 Als Probenraum diente den Mucks ein leerstehender Stallraum auf dem Hinterhof des Hotels Angler Hof in der Großen Straße. Doch die eher spartanische Ausstattung des Probenraums konnte den Enthusiasmus der jungen Leute um die zwanzig nicht bremsen.  mucks_probe_2 Ihr Repertoire übernahmen sie von den Hits der NDR Schlagerparade oder von den Schlagern, die an den Karussells auf dem Brarup-Markt gerade der Renner waren und trafen damit genau den Geschmack der jungen Publikums. Aber auch Klassiker aus dem Harmonika Club wurden ins Programm aufgenommen.

Erkennungsmelodie der Mucks war das Lied „Marina“ im Original von Rocco Granata gesungen und 1959/60 der Renner in den Schlagerparaden. Und auf den Tanzflächen wurde ein neuer aus Amerika kommender Tanz populär und zum Dauerbrenner im Repertoire der Mucks: der Twist.

mucks_trio_2 An seinen ersten Auftritt mit den Mucks erinnert sich Hans Heinrich Hennings noch: „Das war in der Gastwirstschaft Ahnebyheck, allerdings traten wir dort nur in einer Dreierbesetzung auf.“ Schon bald war die Kapelle im Umkreis von Süderbrarup bekannt und beliebt. Es folgten Auftritte im Angler Hof und in Wendt’s Tivoli in Süderbrarup, bei den großen Bällen der Süderbraruper Geselligkeitsverereine „Frohsinn“ und „Humor“ aber auch in anderen Orten Angelns, in denen es damals noch Dorfgasthäuser mit Saalbetrieb gab wie Ulsnis, Rügge oder Grünholz.

angler_hof_1 Die damalige Bekanntheit der Mucks zeigt folgender Prospekt des Hotel Angler Hof in Süderbrarup. Auf den Fotos des großen Saals (Bild unten rechts) und des Gesellschaftsraums (Bild unten Mitte) ist jeweils die Kapelle in den charakteristischen rot-schwarz-karierten Jacken zu sehen:

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mucks_on_tour Ein Problem stellte der Transport der zum Teil sperrigen Instrumente dar. Glücklicherweise stellte das Süderbraruper Taxiunternehmen Lausen der Kapelle am Wochenende seinen Kleinbus zu günstigen Konditionen zur Verfügung. Auch ein Fahrer für den Bus fand sich in Helmut Ebsen aus Süderbrarup, denn die Mitglieder der Kapelle sahen sich nach einem langen Auftritt, der oft bis in den frühen Morgen dauerte (und dem natürlicherweise nötigen Ölen der strapazierten Stimmbänder durch alkoholische Getränke) nicht dazu in der Lage, das Fahrzeug selbst sicher nach Süderbrarup zurückzubringen.

muck_stempel Die Entlohnung für die durchspielten Nächte war aus heutiger Sicht eher gering, erweckte aber anscheinend doch den Neid der Berufsmusiker. So wurde die Kapelle, nachdem sie eine gewisse Bekanntheit in Angeln erlangt hatte, dazu gezwungen, bei einer Verrechnungsstelle in Schleswig einen Erlaubnisschein für jede einzelne Veranstaltung zu beantragen. Bei der jährlichen Überprüfung der „Gewinne“ durch das Finanzamt kam aber nicht viel heraus, da die meisten Mitglieder der Kapelle als Schüler, Studenten oder Auszubildende Geringverdiener waren.

Aus dieser Zeit weiß Hans Heinrich Hennings noch eine nette Anekdote über den „Muckstein“ zu berichten:

mucks_fasching Nach einem Auftritt bei einem Maskenball in Sterup (siehe Bild links) machte sich die Kapelle mit ihrem Fahrer Helmut Ebsen nachts auf den Heimweg nach Süderbrarup. Doch schon nach wenigen Kilometern streikte der mit den Instrumenten und den Mucks schwerbeladene Kleinbus. Schnell war klar, woran es lag: Das Benzin war alle. Also hieß es aussteigen und schieben. Glücklicherweise gibt es auf der Strecke nach Süderbrarup viele Abschnitte mit Gefälle. Irgendwann kam man auf die Idee, den Bus mit Steinen zu beschweren, damit er besser rollte. So lud man einige Steine ein, die am Straßenrand lagen, darunter einen Kilometerstein. Als die Gruppe endlich in Süderbrarup am Germaniaplatz angekommen war lud man die Steine wieder aus.

Dass die ganze Aktion eigentlich unnötig gewesen wäre, stellte sich heraus, als am Zielort Angler Hof in Süderbrarup die Instrumente ausgeladen wurden. Dabei fand sich nämlich der gut gefüllte Reservekanister. Aber ohne dieses eigentlich überflüssige Malheur mit dem leeren Tank hätte es eben auch den „Muckstein“ in Süderbrarup nicht gegeben.

muckstein

Doch nun zum „Muckstein“: Als man die Steine einige Tage später wieder zurückbringen wollte, war der Kilometerstein von irgendjemand an Ort und Stelle in der Bahnhofstraße wieder eingegraben worden. Und dieser „Muckstein“ mit der unpassenden Kilometerangabe stand sogar noch einige Jahre an dieser Stelle, wie das obige Bild aus den 60er Jahren zeigt.

cherrys_63 Die „Karriere“ der Mucks dauerte nur wenige Jahre. Etwa 1962 trennte sich die Gruppe, weil einige Mitglieder wegen Ausbildung, Bundeswehr oder anderer Umstände den Raum Angeln verließen oder keine Zeit mehr für regelmäßige Auftritte hatten. Für etwa zweieinhalb Jahre gab es noch die Nachfolgegruppe „Cherry’s“ mit Hans Heinrich Hennings (Gitarre), Horst Hennings (Schlagzeug), Erwin Wozigny (Akkordeon) und Helmut Groneberg (Saxophon); aber an die großen Erfolge der Mucks konnte man nicht wieder anknüpfen.

greggersen   hennings Doch auch später konnten einige Mucks die Musik nicht ganz lassen. Dieter Greggersen, der aus Angeln fortgezogen war,  spielte später in verschieden Gruppen. Hans Heinrich Hennings trat – nachdem er sich das Spielen auf  einer elektronischen Orgel beigebracht hatte – von 1975 bis 1994 als Ein-Mann-Kapelle bei privaten Feiern und Vereinsveranstaltungen auf.

Mucks_heute Obwohl sie sich im Laufe der Jahre in alle Winde verstreut hatten – Dieter Greggersen lebt in Bangkok, Karl-Heinz Andresen in Nordrhein-Westfalen, Klaus Querling in Hamburg – haben sie sich nicht aus den Augen verloren. Im Jahr 2008 trafen sich die fünf verbliebenen Mucks – (Herbert Schulz verstarb 1990) – nach 50 Jahren in Süderbrarup bei Hans Heinrich Hennings wieder, um Erinnerungen an die alten Zeiten aufzufrischen. sn_20080607 Dieses Zusammentreffen war sogar den Schleswiger Nachrichten einen Artikel wert.

Und wenn die Mucks sich vor 50 Jahren nicht getrennt hätten, sondern wie einige berühmte Bands aus den sechziger Jahren bis heute weitergemacht hätten, dann könnte man sie vielleicht heute so auf der Bühne sehen:

mucks_kompl_neu

Hier zum Abschluss noch ein paar Bilder der Mucks aus ihrer Glanzzeit:

 


Von Hartmut Domröse (früher quasi ein Nachbar von mir in der Westenstraße) kommt noch eine Ergänzung zu diesem Artikel:

Es gab, nachdem sich die Mucks aufgelöst hatten, noch eine Nachfolgeband unter der Leitung von Klaus Querling. Dazu gehörten Herbert Schulz, Joachim Bernitt aus Kappeln und ich selbst. Klaus hatte uns im Eilverfahren ein Repertoire eingetrichtert, und schon ging’s los. Wir spielten damals jeden Sonnabend in der Waldwirtschaft Hüholz und dazu alle 4 Wochen Sonntags im Angler Hof zum Tanztee. Das war eine erfolgreiche Zeit. Nach und nach aber wurden die Mitglieder der Band mit der Schule fertig und stiegen aus, weil sie zum Studium in eine andere Stadt zogen oder zur Bundeswehr gingen. Ich selbst bin bis März 1965 dabei gewesen, zuletzt war übrigens Jürgen Drews ein Mitglied unserer Band.

Hartmut Domröse

Leider schreibt Herr Domröse nicht, wie der Name dieser Nachfolgeband war. Auf der Schleswig-Seite von Gerd Tams findet man einen Artikel über Jürgen Drews, auf der das Bild (links) der Band „Die Monkeys“ mit Hartmut Domröse (3.v.l.) und Jürgen Drews (2.v.l.) zu sehen ist. Auf diesem Foto sind die übrigen von Hartmut Domröse genannten Bandmitglieder allerdings nicht zu sehen.

Hartmut Domröse ist übrigens auch einer der „Nebendarsteller“ in dem Film von

Heini Hennings „Zwischen Himmel und Erde“, den man sich hier ansehen kann.

Hier jetzt der fehlende Nachtrag von Herrn Domröse zur Nachfolgeband:

Hartmut Domröse:

Die Nachfolgeband hieß zunächst ebenfalls „Die Mucks“ und bestand aus Klaus Querling, Herbert Schulz, Joachim Bernitt aus Kappeln und mir. Nach und nach wechselten die Mitglieder: Zunächst wurde aus dem Quartett ein Quintett, als Iwer (Pike) Kersten mit seiner Gitarre zu uns kam. Danach verließen Klaus und Herbert die Band. Anstelle von Klaus Querling kam Jens Plath, sodass unsere Besetzung aus 2 Gitarren, Bassgitarre und Schlagzeug bestand. Nach Joachims Weggang kam Didi Wiercinsky. Pike benannte die Band um in „Die Perdidos“. Nach Pikes Weggang (er ging nach dem Abitur aus Schleswig weg) kam Jürgen Drews und benannte die Band um in „The Monkeys“, in der ich nun bis März 1965 blieb. Danach Schule, Studium und Aufgabe aller musikalischen Aktivitäten.

Vielen Dank für die Ergänzung.


Das Angeliter „Nationalgetränk“ Muck

Den Angler Muck gibt es in zwei Variartionen. Hier die Rezepte:

muckpott   muck-rezept

 

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7 Kommentar zu Die Mucks – oder als der Twist nach Angeln kam

  1. Bernd Koch schreibt:

    Schöne Zeit
    Ich kam 1959 als Meiereilehrling nach Süder aus Kappeln.Von Anfang an war ich Mitglied imFan-Club der Mucks,woraus sich so etwas wie Freundschaft entwickelte.
    Meistens mußte ich Sonntagnachmittag arbeiten und kam erst sehr spät zum Tanztee,
    mein Platz vor der Kappelle wurde aber immer frei gehalten.Ich war oft bei den Proben dabei,von Musik keine Ahnung.Es gab auch Nachwuchsmusiker:Moses aus Boel,Peter Stumm aus Boren und Hartmut aus Süder.Oft war ich mit den Mucks auf „Tournee“,kam Morgens um 4 nach Hause,zog mich um und ging arbeiten.War klar,dass ich nachmittags wieder im Angler Hof war.Überhaupt war es damals eine tolle Zeit in Süder.Später habe ich die Jungs sporadisch wieder getroffen.Freue mich,das ich durch Zufall auf diese Website getroffen bin.Respekt!!

  2. Pingback: Süder-Rätsel Nr. 780 (gelöst) – Kindergarten Ulsnis | Süderbrarup und mehr …

  3. Karl-Heinz Andresen schreibt:

    Demjenigen, der die Seiten „Harmonikaclub“ und „Die Mucks – wie der Twist nach Angeln kam“ geschrieben, zusammengestellt und ins Netz gebracht hat, gebührt grosser Dank und Anerkennung. Es wundert schon, dass in offiziellen Chroniken der Gemeinde keine Einträge über den Harmonikaclub zu finden sind. Wenn ich mich recht erinnere, war ein Bürgermeister in der betreffenden Zeit sogar Ehrenmitglied des Vereins.
    Sollten noch ehemalige Angehörige des Harmonikaclubs ansprechbar und interessiert sein, wäre ein Ehemaligentreffen sicher eine spannende Geschichte. Bitte melden!
    Mit besten Grüßen! Karl-Heinz Andresen, Borken/Westf. (früher: Lindau-Mühlenholz)

    • Hartmut Domröse schreibt:

      Es gab, nachdem sich die Mucks aufgelöst hatten, noch eine Nachfolgeband unter der Leitung von Klaus Querling. Dazu gehörten Herbert Schulz, Joachim Bernitt aus Kappeln und ich selbst. Klaus hatte uns im Eilverfahren ein Repertoire eingetrichtert, und schon ging’s los. Wir spielten damals jeden Sonnabend in der Waldwirtschaft Hüholz und dazu alle 4 Wochen Sonntags im Angler Hof zum Tanztee. Das war eine erfolgreiche Zeit. Nach und nach aber wurden die Mitglieder der Band mit der Schule fertig und stiegen aus, weil sie zum Studium in eine andere Stadt zogen oder zur Bundeswehr gingen. Ich selbst bin bis März 1965 dabei gewesen, zuletzt war übrigens Jürgen Drews ein Mitglied unserer Band.

      Hartmut Domröse

      • Anne (Lischen) Marxen schreibt:

        Mensch Hatschi, ich kann mich ganz genau an die Zeit erinnern und freue mich, dich auf dieser Seite wieder zu treffen.
        Gerne denke ich an unsere gemeinsame Zeit, auch vor allen Dingen bei den Monkeys mit dir Didi, Bend und Jürgen zurück!

      • Hartmut Domröse schreibt:

        Die Nachfolgeband hieß zunächst ebenfalls „Die Mucks“ und bestand aus Klaus Querling, Herbert Schulz, Joachim Bernitt aus Kappeln und mir. Nach und nach wechselten die Mitglieder: Zunächst wurde aus der Quartett ein Quintett, als Iwer (Pike) Kersten mit seiner Gitarre zu uns kam. Danach verließen Klaus und Herbert die Band. Anstelle von Klaus Querling kam Jens Plath, sodass unsere Besetzung aus 2 Gitarren, Bassgitarre und Schlagzeug bestand. Nach Joachims Weggang kam Didi Wiercinsky. Pike benannte die Band um in „Die Perdidos“. Nach Pikes Weggang (er hing nach dem Abitur aus Schleswig weg) kam Jürgen Drews und benannte die Band um in „The Monkeys“, in der ich nun bis März 1965 blieb. Danach Schule, Studium und Aufgabe aller musikalischen Aktivitäten.

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