Dr. Brackmann (auch bekannt als Dr. Schnell)

Von Klaus Zander, über den es schon in dem Artikel „Brarup-Markt im Zweiten Weltkrieg“ etwas zu lesen gab, erhielt ich heute die folgende Mail:

Liebe Tikoblog-Freunde und Dieter Tikovsky,

beim blättern im Tikoblog, bin ich beim Bilderrätsel Nr. 115  mit Dr. Brackmann hängengeblieben. Da er für mich ein unvergesslicher und lieber Bekannter aus  meiner Kindheit war, drängt es mich von meinen Begegnungen mit ihm zu berichten.

suederraetsel_115a Ich lernte ihn 1946 kennen. Da war ich ein kleiner dünner abgemagerter Flüchtlingsjunge von neun Jahren, mit viel zu großen Augen und wie viele wahrscheinlich unterernährt. Meine Mutter ging damals mit mir zu ihm, da ich häufig über Bauchschmerzen klagte. An den Befund der Konsultation kann ich mich nicht mehr erinnern, er war wahrscheinlich den damaligen Lebensumständen und den unreifen Äpfeln geschuldet.

Dr. Brackmann hatte damals noch seine Praxis in der „Großen Straße“ neben dem Lebensmittelgeschäft von „Thams & Garfs“. Das Wartezimmer seiner Praxis schien ebenfalls zu einem ehemaligen Geschäft gehört zu haben, denn es hatte eine große Schaufensterscheibe, die zur Gewährleistung einer gewissen Diskretion mit einer Gardine zugehängt war. Das Sprechzimmer schien das Hinterzimmer dieses ehemaligen Geschäfts gewesen sein. Es hatte zwei Fenster die zum Hof hinaus gingen und eine Türe die ins Treppenhaus des Gebäudes führte.

Im Treppenhaus drängten sich vor dieser Türe manchmal genau so viele Patienten, wie im Wartezimmer auf den Stühlen Platz genommen hatten, die ringsherum an den Wänden des sonst leeren Raumes standen und auf ihnen wie Hühner auf der Stange saßen.

brackmann_03 Ein Patient der ebenfalls vor dieser Türe wartete, dem ich mich einmal zu einem Gespräch aufgedrängt hatte, erklärte mir seine Sicht der Dinge.  Er war der Auffassung, dass es klüger sei, sich bei Kleinigkeiten hier im Treppenhaus in die Schlange einzureihen, als ins Wartezimmer zu setzen. Das sollte man nur  bei großen gesundheitlichen Problemen machen. Wo aber die Unterscheidung ist, blieb ungeklärt.

Bei den vielen späteren Besuchen in seiner Praxis, erlebte ich ihn meistens vor seinem Schreibtisch stehend, wo er nach der Begrüßung alsbald mit der Untersuchung begann. Diese wurde nur unterbrochen, durch hin und wieder durchgeführte Eintragungen in ein dickes großes Buch, das immer aufgeschlagen auf dem Schreibtisch lag. Ab und zu wagte ich es einen Blick auf das geschriebene zu werfen, jedoch leider vergeblich. Alle in der Schule vermittelten Techniken des Lesens und des Schreibens erwiesen sich als nutzlos. Es war nichts zu entziffern. Das verstärkte für mich den Eindruck des geheimnisvollen und rätselhaften. Wie es nur noch die Eingeborenen in fremden Ländern gegenüber ihrem Medizinmann empfinden mögen. Hölzerne Gestelle mit Reagenzgläsern auf den Fensterbänken mit teilweise  rötlicher Flüssigkeit faszinierten mich. Auf meine Frage sagte Mutti mir, das wäre von der Blutsenkung. Ich beließ es dabei und fragte lieber nicht weiter.

brackmann_02 Ein Computer sowie das vorselektieren durch Arzthelferinnen, wie heute üblich, gab es damals noch nicht. Einfach paradiesisch.  Sein Umgangston war immer beruhigend. Wenn Mutti mit war, wurde sie auf einen Stuhl, der in der Ecke stand, komplimentiert und ich befand mich im Mittelpunkt seines Interesses. Das war etwas völlig neues. Er fragte gezielt und behutsam, ich antwortet. Es entspann sich zwischen uns eine Unterhaltung die niemand wagte zu unterbrechen. Das ganze dauerte sicher nur Minuten, mir kam es viel länger vor.
Aus meiner Sicht, um im Sprachgebrauch spätere Jahre zu bleiben, war er ein toller Kumpel mit dem man über alles reden konnte. Wie Kinder sich heute dazu ausdrücken würden, kann ich nicht sagen, auch damals wäre so eine Ausdrucksweise völlig daneben gewesen. Aber er hatte mein absolutes Vertrauen. Beim geringsten Problem, welches auch nur im entferntesten eine medizinische Komponente hatte, saß ich in seinem Wartezimmer. So geschah es auch, dass ich dort wartete während sich die Türe zur Straße öffnet und meine ahnungslose Mutter den Raum betrat, weil sie einen separaten Arzttermin hatte und mich peinlich zur Rede stellte. Aber sie ließ mich schließlich kopfschüttelnd gewähren.
Dr. Brackmann nahm jede Konsultation ernst und ich verließ immer die Praxis mit den Gefühl, dass mir geholfen wurde. Dieses hat wohl mein ganzes Leben für ein vertrauensvolles Verhältnis zu Ärzten gesorgt, alleine dafür bin ich ihm schon dankbar.

Mit freundlichen Grüßen
Klaus Zander

Vielen Dank für diesen schönen Beitrag, Herr Zander.

Noch kurz ein paar Anmerkungen zu Dr. Brackmann, von dem sich leider kein anderes Bild, als das in der Seglermontur finden ließ.

Die erste Praxis von Dr. Brackmann befand sich im Geschäftshaus Berg in der Großen Straße 21 (also schräg gegenüber von Thams & Garfs). Wenn man der Dorfchronik folgt, war in den Räumlichkeiten der Arztpraxis auf der rechten Seite des Gebäudes bis 1943 die Westbank ansässig, seit 1945 dann Dr. Brackmann. Da ich bisher kein vernünftiges Foto von den Geschäften in diesem Gebäude zu jener Zeit finden konnte, habe ich mal drei Szenenbilder aus einem Film von Heini Hennings zusammenmontiert:

brackmann_01

Man sieht links die Geschäftsräume der Schleswiger Nachrichten (Vormieter Textilgeschäft Jochimsen, Lebensmittelgeschäft Brüggemann-Nissen, Radiogeschäft Müller), in der Mitte den Zigarren- und Zeitschriftenladen von Walter Boysen (vorher Meta Berg) und rechts die Praxis von Dr. Brackmann, die hier bis 1972 beheimatet war (danach Bismarckstraße 5).

Die Praxis hatte zwei hintereinander liegende Behandlungszimmer. Vom Wartezimmer an der Straßenseite kam man in das vordere Behandlungszimmer, von einem kleinen (als Wartezimmer umfunktionierten) Flur auf der Rückseite des Gebäudes in das hintere Wartezimmer. So konnte Dr. Brackmann (auch ohne Sprechstundenhilfe) die Wartezeit für die Patienten möglichst gering halten. Dass man – auch wegen der lauten Stimme des Doktors – in dem einen Behandlungsraum manchmal mitbekam, was in dem anderen gesprochen wurde, störte damals noch keinen.

suederraetsel_105a Zu jener Zeit machten die Süderbraruper Ärzte nachmittags auch noch Hausbesuche bei bettlägerigen Patienten. Ich erinnere mich, dass die Hausbesuche von Dr. Brackmann immer von einem hohen Tempo bestimmt waren: er klingelte, stürmte ins Krankenzimmer, untersuchte den Patienten und war schon wieder weg. Wahrscheinlich hatte er daher auch seinen Spitznamen „Dr, Schnell“.

Wie Klaus Zander schon schrieb, war die Schrift von Dr. Brackmann für den Normalsterblichen nicht zu entziffern. Es wird mir immer ein Geheimnis bleiben, wie die Apothekerin Frau Lotz auf den Rezepten Dr. Brackmanns entziffern konnte, welches Medikament er verordnet hatte.

Seine Privatwohnung hatte Dr. Brackmann in der Königstraße 1. Wenn man als Kind an diesem Haus vorbeiging, bekam man oft einen gehörigen Schreck, weil hinter der Hecke auf einmal zwei Hunde bellten. Einer der Hunde war ein Chow-Chow, eine damals in Süderbrarup un Umgebung nicht sehr häufige Rasse.

Dr. Brackmann verstarb 1986.


Michaela Bielke:

Hallo,
ich stimme dem, was Klaus Zander schreibt, voll zu. Dr. Brackmanns Schrift konnte Fr. Lotz bestimmt auch nicht entziffern. Ich denke einfach, dass sie je nach Patient die richtigen Medikamente herausgegeben hat. Humpelte man, dann gab es x . Sah man fiebrig aus, dann bekam man y. Die älteren Leute hatten wahrscheinlich auch alle dasselbe Medikament.
Seine Rezepte bestanden nur aus Großbuchstaben( wenn man sie so nennen konnte- andere sagen Hyroglyphen) und einem Strich.
Aber auch heutige Ärzte können nicht schreiben, sonst hätten sie doch etwas ordentliches gelernt.;)
Vg
Michaela

Man  sah das Auto von Dr. Brackmann ja gelegentlich abends vor der Apotheke in der Bismarckstraße stehen – da wurden dann wahrscheinlich die unleserlichen Rezepte durchgegangen. 🙂

Dietmar Nisch:

Liebe Süderbraruper, habe Dank für die authentischen Berichte der Herren Zander und Tikovsky und natürlich auch Frau Bielke, weil ich fast alles auch selber erlebt habe mit Dr. „Schnell“. Dennoch ein paar Ergänzungen: als „Balljunge“ von der Süderbraruper Tennis-Prominenz eingestellt, war ich oft auf dem Tennisplatz zu Diensten. Wenn ich mal Pause machte und mit Dr. Brackmann zusammen auf der „Ruhebank“ gesessen habe, so hatte er mir gegenüber mit seinem „Schmerzverzerrten“ Gesicht sein Mitgefühl wegen meinem schlimmen Ohrenleiden zum Ausdruck gebracht.
esso_luft_alt Dr. Brackmann war ein Freund meines dam. Ohrenarztes Prof. Dr. Riecke in Schleswig. Ich war oft mit meiner Mutter auf der HNO-Uniklinik in Kiel sowie zu ihm in seine Praxis nach Schleswig gefahren (ab meinem 12. Lebensjahr alleine gefahren). Prof. Dr. Riecke besuchte besuchte immer wieder mal Dr. Brackmann im Haus Königstr., wegen Verschreibung lebensnotwendiger Medikamente für den Prof.. In den frühen Nachkriegsjahren wurde kaum etwas über die gesundheitlichen bzw. seelischen Folgen von Kriegsteilnehmern berichtet. Erst spätere Forschungs-Arbeiten bestätigen dies inbezug Traumatisierungen und auch in etlichen Büchern und Schriften wird dies zum Ausdruck gebracht. Auch viele Ärzte haben den Krieg nicht überlebt. Ich könnte mir denken, dass Dr. Brackmann deshalb so „schnell“ war, weil er an der Front sich beeilen musste, um Verwundeten zu helfen und gleichwohl durch seine Schnelligkeit eigenen Schusswunden entgehen zu können. Ich empfehle allen Nachkriegs-Geborenen z.B. zumindest einen alten Film ansehen zu wollen: „Der Arzt in Stalingrad“.
Viele Grüße, Dietmar. PS. Wegen meinen „Dienstleistungen“ als Balljunge auf dem Süderbraruper Tennisplatz habe ich von der Tennis-Prominenz soviele Groschen einsammeln können, dass ich mir später in Hamburg einen Tennis-Lehrgang finazieren konnte.

Der von Dietmar Nisch erwähnte Tennisplatz der damaligen Süderbraruper „Prominenz“ lag übrigens gut versteckt hinter den Grundstücken in der Schleswiger Straße und konnte über das Gelände der Esso Tankstelle Lorenzen erreicht werden (siehe Foto am oberen Bildrand links).

 

Süderbrarup, , , Permalink

3 Kommentar zu Dr. Brackmann (auch bekannt als Dr. Schnell)

  1. Großmann Brigitte schreibt:

    Die Chow Chow Dame hörte auf den namen Pia und war die Aufpasserin, der etwas verwegen aussehende Herr der Rasse Englische Bulldogge hörte auf den Namen Pascha und war ein extrem sabberndes verspieltes liebes „Ungeheuer“.

  2. Dietmar Nisch schreibt:

    Liebe Süderbraruper, habe Dank für die authentischen Berichte der Herren Zander und Tikovsky und natürlich auch Frau Bielke, weil ich fast alles auch selber erlebt habe mit Dr. „Schnell“. Dennoch ein paar Ergänzungen: als „Balljunge“ von der Süderbraruper Tennis-Prominenz eingestellt, war ich oft auf dem Tennisplatz zu Diensten. Wenn ich mal Pause machte und mit Dr. Brackmann zusammen auf der „Ruhebank“ gesessen habe, so hatte er mir gegenüber mit seinem „Schmerzverzerrten“ Gesicht sein Mitgefühl wegen meinem schlimmen Ohrenleiden zum Ausdruck gebracht. Dr. Brackmann war ein Freund meines dam. Ohrenarztes Prof. Dr. Riecke in Schleswig. Ich war oft mit meiner Mutter auf der HNO-Uniklinik in Kiel sowie zu ihm in seine Praxis nach Schleswig gefahren (ab meinem 12. Lebensjahr alleine gefahren). Prof. Dr. Riecke besuchte besuchte immer wieder mal Dr. Brackmann im Haus Königstr., wegen Verschreibung lebensnotwendiger Medikamente für den Prof.. In den frühen Nachkriegsjahren wurde kaum etwas über die gesundheitlichen bzw. seelischen Folgen von Kriegsteilnehmern berichtet. Erst spätere Forschungs-Arbeiten bestätigen dies inbezug Traumatisierungen und auch in etlichen Büchern und Schriften wird dies zum Ausdruck gebracht. Auch viele Ärzte haben den Krieg nicht überlebt. Ich könnte mir denken, dass Dr. Brackmann deshalb so „schnell“ war, weil er an der Front sich beeilen musste, um Verwundeten zu helfen und gleichwohl durch seine Schnelligkeit eigenen Schusswunden entgehen zu können. Ich empfehle allen Nachkriegs-Geborenen z.B. zumindest einen alten Film ansehen zu wollen: „Der Arzt in Stalingrad“.
    Viele Grüße, Dietmar. PS. Wegen meinen „Dienstleistungen“ als Balljunge auf dem Süderbraruper Tennisplatz habe ich von der Tennis-Prominenz soviele Groschen einsammeln können, dass ich mir später in Hamburg einen Tennis-Lehrgang finazieren konnte.

  3. Michaela Bielke schreibt:

    Hallo,
    ich stimme dem, was Klaus Zander schreibt, voll zu. Dr. Brackmanns Schrift konnte Fr. Lotz bestimmt auch nicht entziffern. Ich denke einfach, dass sie je nach Patient die richtigen Medikamente herausgegeben hat. Humpelte man, dann gab es x . Sah man fiebrig aus, dann bekam man y. Die älteren Leute hatten wahrscheinlich auch alle dasselbe Medikament.
    Seine Rezepte bestanden nur aus Großbuchstaben( wenn man sie so nennen konnte- andere sagen Hyroglyphen) und einem Strich.
    Aber auch heutige Ärzte können nicht schreiben, sonst hätten sie doch etwas ordentliches gelernt.;)
    Vg
    Michaela

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