„Geschäftsreise“ in die Vergangenheit (2) – Raiffeisenstraße

Inzwischen gibt es einige Ergänzungen zu diesem Artikel (siehe unten), die es lohnenswert erscheinen lassen, ihn wieder mal ein bisschen nach vorne zu stellen.


luft_1972 Unsere zweite „Geschäftsreise“ in die Vergangenheit ist nur kurz und führt uns in die Raiffeisenstraße. Die Raiffeisenstraße verbindet die Schleswiger Straße mit der Bahnhofstraße. Früher nur ein Fußweg wurde sie 1933 als Straße ausgebaut und an beiden Seiten mit Ulmen bepflanzt. Dementsprechend erhielt sie den Namen Ulmenstraße. Erst 1969 zum 50jährigen Bestehen des in der Straße angesiedelten Landwirtschaftlichen Bezugsvereins erhielt sie ihren heutigen Namen. Quasi zur Erinnerung an den alten Straßennamen erhielt die 1978 neu erschlossenen von der Raiffeisenstraße abgehende Stichstraße den Namen Ulmenweg.

raiff_str So viel zur Geschichte der Straße. Die Raiffeisenstraße war schon immer mehr durch kulturelle und soziale Einrichtungen geprägt (Schule, Kindergarten, Kirche, Ärzte) als durch Handwerksbetriebe und Geschäfte. Aber immerhin beherbergte sie einen der lange Zeit größten Arbeitgeber in Süderbrarup, den Bezugsverein. Deshalb darf sie in dieser Artikelserie auch nicht fehlen. Doch beginnen wir an der Einmündung der Raiffeisenstraße in die Schleswiger Straße.

Gleich an der rechten Seite befand sich früher der Anbau des Süderbraruper Altersheimes und daran anschließend der zu Heim gehörige Park. An dieser Stelle befindet sich heute der Ulmenhof, ein im Jahre 2009 eröffnetes Heim für betreutes Wohnen des St. Nicolaiheimes in Sundsacker. Etwas weiter den Berg hinunter wurde auf einer Teilfläche des ehemaligen Parks 1981 von Dr. Meyer ein Wohnhaus mit Arztpraxis errichtet (heute Dr. Schneider).

brandt Kurz vor der Einmündung der 1978 gebauten Stichstraße Ulmenweg stand auf dem freien Platz neben der Arztpraxis stand früher das Haus Nr. 10, ein 1910 errichtetes 6-Familienhaus, das lange Zeit im Besitz des Fuhrunternehmers Franz Brand war. Ein gängiger Spruch in den 60ern war „Hast du Asche, brauchst du Sand – wähl‘ 666 und schon kommt Brandt“. Darüber aber mehr, wenn wir zur Bahnhofstraße kommen. Dieses Haus wurde, nachdem es lange leer gestanden hatte, 1989 auf Anordnung des Kreisbauamtes wegen Baufälligkeit abgerissen.

lorenzen Auf der linken Seite der Raiffeisenstraße im Haus Nr. 1 hatte nach dem 2. Weltkrieg der Bierverlag von Jacob Lorenzen seinen Sitz. von hier aus beliefert er die Gaststätten und Kaufleute in Angeln mit Holsten Bier und anderen Getränken. Später übernahm Günter Brix den Bierverlag. Heute ist das Haus ein Wohnhaus, ebenso wie die auf der linken Seite folgenden Häuser Nr. 11 bis Nr. 21.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass in den späten 50er oder frühen 60er Jahren in der Raiffeisenstraße auch ein Schuster ansässig war. Nach meiner Erinnerung müsste das im Haus Nr. 5 gewesen sein, und zwar der taubstumme Schuhmacher Nerzejewski, der später in der Bahnhofstraße auf dem Hof neben der Post zu finden war. In den Chroniken steht leider nichts darüber, so dass es bei einer Vermutung bleiben muss.

reinehr Das Haus Nr. 13 beherbergte aber in früheren Zeiten durchaus Gewerbebetriebe. Laut Süderbraruper Chronik waren in diesem Haus vor dem 2. Weltkrieg die Glücksburger Spar- und Leihkasse und später der Zigarrenhändler Wedemeyer. Nach dem Krieg war hier lange Jahre die Dachdeckerei von Anton Reinehr. 1990 brannte ein Teil des Hauses ab und wurde neu erstellt. Dabei wurde es durch einen Anbau nach hinten erweitert.

andritter Im Haus Nr. 23, in dem heute die Glaserei Raub ihre Geschäftsräume hat, war bis in die 70er Jahre das Fuhrgeschäft von Andritter. Angrenzend an diese Grundstücke befindet sich die Einfahrt zum Gelände des dänischen Grenzvereins, das sich von hier bis zur Schleswiger Straße erstreckt. Auf diesem Gelände befinden sich die dänische Kirche, das zugehörige Pastorat, der dänische Kindergarten, sowie die dänische Schule mit zugehöriger Turnhalle und Sportplatz. Die dänische Schule (Danske Skole) wurde in den letzten Jahren grundlegend renoviert und durch einen modernen Erweiterungsbau ergänzt – mehr dazu im Artikel über die Süderbraruper Schulen.

kath_kirche Die auf der linken Seite folgende Katholische Christkönig-Kirche mit (heute nicht mehr als solches genutztem) Pfarramt wurde 1952 errichtet, als aufgrund der vielen nach dem 2. Weltkrieg zugezogenen Flüchtlinge die Zahl der Katholiken in Süderbrarup und Umgebung auf etwa 1300 angestiegen war. Die katholische Kirchengemeinde in Süderbrarup hatte ihre Blütezeit unter den Pastoren Wache (1951-1962) und Pastor Prost (1962 – 1969). Nachdem bis 1989 noch wechselnde Geistliche die Gemeinde betreuten, hat Süderbrarup heute keinen eigenen katholischen Pastor mehr, sondern wird vom Kappelner Pastor Gehrmann betreut.

bezugsverein_flachsfabrik_1926 Kommen wir nun zu Süderbrarups einstmals größtem Arbeitgeber, dem Landwirtschaftlichen Bezugsverein. Auf dem Bezugsvereinsgelände befanden sich schon seit Beginn das 20. Jahrhunderts Gewerbebetriebe. Nachdem hier 1909/10 zunächst eine Kalksandsteinfabrik entstanden war, wurde der Betrieb nach dem 1. Weltkrieg wegen der verminderten Bautätigkeit auf die Trocknung von Obst und Rübenblättern umgestellt (sogenannte Darrefabrik). Von 1919 bis 1923 wurden dann wieder Steine produziert. Danach wurde der Betrieb wieder einmal umgestellt: es wurde aus angeliefertem Flachs Öl und Flachsfasern für die Leinenproduktion hergestellt.

bv_verw_alt Schließlich übernahm 1930 der 1919 von Landwirten aus der Umgebung gegründete Landwirtschaftliche Bezugsverein das Gelände und die Gebäude der Flachsfabrik. Nach dem 2. Weltkrieg wuchs der Bezugsverein ständig, so dass im Jahre 1952 das Kontorgebäude vor den bestehenden Lagerschuppen angebaut wurde. 1957 kam der im Bild zu sehende erste Silo dazu.

bv_verw_neu Im Laufe der Jahre machte die rasant ansteigende Geschäftstätigkeit weitere An- und Neubauten erforderlich, unter anderem zwei größere Silos, diverse Lagerhallen und ein automatisiertes Futtermittelwerk. Das eher triste alte Kontorgebäude wurde 1979 durch ein neues, aber nicht weniger tristes doppelstöckiges Verwaltungsgebäude ersetzt. Außerdem wurden im Laufe der Jahre das Warengeschäft fast aller umliegenden Spar- und Darlehenskassen übernommen und die Tätigkeit auf neue Geschäftsgebiete wie Heizöl- und Baustoffhandel ausgeweitet.

bv_silos Ein Ereignis, an das sich vielleicht noch einige Alteingesessene erinner, war 1974 der Bruch einer Zellenwand des Silos 2. Ein riesiges Betonteil der Seitenwand war etwa auf halber Höhe nach außen geklappt und hing wie eine riesige offene Tür in der Luft. Der Silo wurde anschließend saniert. Ein weiteres Unglück ereignete sich im Dezember 1985, als ein Großbrand die 1975 erstellte neue Mischfutteranlage sowie weitere Anlagen vernichtete und einen Schaden von fast neun Millionen DM anrichtete. Doch auch dieser Schaden konnte das rasante Wachstum des Bezugsvereins bis ins 20. Jahrhundert nicht stoppen.

Im Jahre 2001 fusionierte der Bezugsverein mit der team AG in Jübek, die daraufhin ihren Hauptsitz nach Süderbrarup verlegte. 2005 gliederte die team AG den Agrarhandel in eine eigenständige GmbH aus, an der auch die dänische dlg Anteile erwarb. 2005 schließlich wurde die Agrahandelssparte in die Raiffeisen HaGe Kiel eingebracht und die team AG verkaufte in den nächsten Jahren ihre Anteile an die dlg. stellwerk Damit ist der ehemals eigenständige Bezugsverein in Süderbrarup nur noch einer von vielen Standorten der HaGe. Die HaGe wiederum ist inzwischen eine Tochtergesellschaft der der dlg, die über 50% der HaGe Aktien besitzt.

Man könnte fast sagen, dass das Gelände zwischen Schleswiger Straße und Raiffeisenstraße eine dänische „Exklave“ in Süderbrarup ist, denn dieses Gebiet gehört zu großen Teilen entweder dem dänischen Grenzverein oder der HaGe, die ebenfalls in dänischem Besitz ist. Damit sind wir am Bahnübergang angekommen und wieder mal am Ende unserer (historischen) Tour durch eine Süderbraruper Straße.

Mehr zum Landwirtschaftlichen Bezugsverein Süderbrarup findet man hier.

Von Helmut Marxen kommt die folgende Ergänzung zu diesem Artikel:

Es trifft zu, dass in dem Wohnhaus Raiffeisenstraße 5 früher eine Schuhmacherwerkstatt existierte. Dort war in den dreißiger Jahren zunächst die Schuhmacherei „Tempo“ von Willy Jensen, bevor er (siehe auch Ortschronik Nr. 1 auf Seite 277) den Betrieb in sein Wohnhaus Schleswiger Straße 41 verlegte. Als Kind habe ich gern mal „Schooster Tempo“ besucht. Auf meinem Foto mit Milchmann Mamsen (Thema „Lagerleben“) vor dem Haus in der heutigen Raiffeisenstraße sind die beiden Werkstattfenster rechts vom Hauseingang gut zu erkennen.

Deshalb hier noch mal das Bild von Milchmann Mamsen vor dem Haus Raiffeisenstraße 5 und ein aktuelles Bild dieses Hauses:

mamsen   nr05-2003

 

Da ich mich noch daran zu erinnern meinte, selbst in der Ulmenstraße Schuhe abgeholt zu haben, habe ich noch einmal bei Helmut Marxen nachgefragt:

Hallo Herr Marxen,

wissen Sie wann Schuster Jensen seine Schusterei in die Schleswiger Str. verlegt hat?
Ich kann mich erinnern, auch noch Schuhe in der Raiffeisenstr. abgeholt zu haben. Das müsste also Ende 50er / Anfang 60er Jahre gewesen sein.

Bisher hatte ich immer gedacht, dass der taubstumme Schuster Nerzejewski in der Raiffeisenstr. war, bevor er in die Bahnhofstr. neben der Post umgezogen ist, denn meine Mutter hat Schuhe eigentlich immer bei ihm reparieren lassen.
Aber vielleicht täusche ich mich ja auch.

Und nach einiger Zeit der Recherche kam dann auch die Antwort von unserem Gemeindearchivar:

Ich habe mich inzwischen in der alten Gewerbeliste in unserem Gemeindearchiv etwas schlau gemacht. Danach hat der Schuhmacher Willy Jensen seinen Betrieb für die Anschrift Ulmenstraße am 1. Dez. 1932 angemeldet. Die Ummeldung nach der Schleswiger Straße ist zwar nicht vermerkt, aber für die Anschrift Ulmenstraße hat am 31. August 1951 der Schuhmacher Walter Nerzejewski seine Schuhmacherei angemeldet.

Wenn auch das Kurzzeitgedächtnis langsam Schwächen zeigt, auf mein Langzeitgedächtnis ist anscheinend noch einigermaßen Verlass.

Zu dem Bild mit dem Stellwerk am Bahnübergang Raiffeisenstraße schreibt Helmut Marxen:

Das kleine Foto mit dem SN-Stellwerk in der Raiffeisenstraße erinnert mich an einen „Arbeitsplatz“ in meinen Kinderjahren. In meiner plattdeutschen Anekdotensammlung „En Angeliter vertellt“ habe ich dazu berichtet:

„Ich besöche as Schöler öft de Bahnmensch Andreas Baarth ut de Ulmenstraat, wenn he Deenst harr dor in dat Stellwark. Schranken op un daal dreihn durf ik, wenn de strenge Bahnhoffsvörsteher Hardekopp nich to sehn weer. Mit Petroleumlampen för Züge in Richtung Flensborg an dat Infohrtsignaal hoochdreihn weer ik ok al binah perfekt.“

Ich habe mal ein bisschen im Internet recherchiert und dabei folgendes herausgefunden:

Das Stellwerk wurde im Jahre 1935 in Betrieb genommen. Es handelt sich um ein sogenanntes „Wärterstellwerk Bauart Jüdel“, was sicherlich nur eingefleischten Bahn-Kennern etwas sagt. Immerhin soll es das letzte seiner Art an der Bahnstrecke Kiel – Flensburg sein.

Und es gibt sogar Innenaufnahmen von diesem Stellwerk, allerdings keine historischen, sondern welche aus dem Jahre 2008. Auf der Internet-Seite  „Die D-Zug Seite“, gibt es hier Bilder vom Stellwerk Süderbrarup Sn.

Rainer Butenschön, der Ersteller der D-Zug-Seite schreibt:

Moin aus Kiel,
das finde ich sehr gut, dass Ihr meine Seite gefunden und verlinkt habt.
Die Stellwerksbezeichnung „Sn“ steht für Süderbrarup Nord. Dazu gibt es noch das Stellwerk „Sf“ – Süderbrarup – Fahrdienstleiter. Der Fahrdienstleiter ist für alle Zugfahrten zuständig. Ohne die Zustimmung des Fahrdienstleiters kann der Wärter keine Weichen und Signale von seinem Stellwerk aus stellen. Der Bahnhof hatte ja in früheren Jahren eine grössere Bedeutung in Verbindung mit der Schleswiger Kreisbahn und die Gleisanlagen waren ja auch umfangreicher.
Siehe dieser Link hier: http://www.eisenbahn-sh.de/html/s09.html
Ich hatte die Stellwerke noch einmal im Bild festgehalten, da ja in den nächsten Monaten diese alte bewährte Technik durch eine elektronische Steuerung abgelöst werden soll.
Die Bauart Jüdel ist eine Entwicklung der Fa. Max Jüdel, die vor weit über 100 Jahren die Sicherungstechnik für Eisenbahnen entwickelt und gebaut hat.

Gruß aus Kiel

 

 

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3 Kommentar zu „Geschäftsreise“ in die Vergangenheit (2) – Raiffeisenstraße

  1. Moin aus Kiel,
    das finde ich sehr gut, dass Ihr meine Seite gefunden und verlinkt habt.
    Die Stellwerksbezeichnung „Sn“ steht für Süderbrarup Nord. Dazu gibt es noch das Stellwerk „Sf“ – Süderbrarup – Fahrdienstleiter. Der Fahrdienstleiter ist für alle Zugfahrten zuständig. Ohne die Zustimmung des Fahrdienstleiters kann der Wärter keine Weichen und Signale von seinem Stellwerk aus stellen. Der Bahnhof hatte ja in früheren Jahren eine grössere Bedeutung in Verbindung mit der Schleswiger Kreisbahn und die Gleisanlagen waren ja auch umfangreicher.
    Siehe dieser Link hier: http://www.eisenbahn-sh.de/html/s09.html
    Ich hatte die Stellwerke noch einmal im Bild festgehalten, da ja in den nächsten Monaten diese alte bewährte Technik durch eine elektronische Steuerung abgelöst werden soll.
    Die Bauart Jüdel ist eine Entwicklung der Fa. Max Jüdel, die vor weit über 100 Jahren die Sicherungstechnik für Eisenbahnen entwickelt und gebaut hat.

    Gruß aus Kiel

  2. Marxen, Helmut schreibt:

    Das kleine Foto mit dem SN-Stellwerk in der Raiffeisenstraße erinnert mich an einen „Arbeitsplatz“ in meinen Kinderjahren. In meiner plattdeutschen Anekdotensammlung „En Angeliter vertellt“ habe ich dazu berichtet: „Ich besöche as Schöler öft de Bahnmensch Andreas Baarth ut de Ulmenstraat, wenn he Deenst harr dor in dat Stellwark. Schranken op un daal dreihn durf ik, wenn de strenge Bahnhoffsvörsteher Hardekopp nich to sehn weer. Mit Petroleumlampen för Züge in Richtung Flensborg an dat Infohrtsignaal hoochdreihn weer ik ok al binah perfekt.“

  3. Marxen, Helmut schreibt:

    Es trifft zu, dass in dem Wohnhaus Raiffeisenstraße 5 früher eine Schuhmacherwerkstatt existierte. Dort war in den dreißiger Jahren zunächst die Schuhmacherei „Tempo“ von Willy Jensen, bevor er (siehe auch Ortschronik Nr. 1 auf Seite 277) den Betrieb in sein Wohnhaus Schleswiger Straße 41 verlegte. Als Kind habe ich gern mal „Schooster Tempo“ besucht. Auf meinem Foto mit Milchmann Mamsen (Thema „Lagerleben“) vor dem Haus in der heutigen Raiffeisenstraße sind die beiden Werkstattfenster rechts vom Hauseingang gut zu erkennen.

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