„Lagerleben“ in Süderbrarup (2) – Lagerleute

11.11.2011

Ich habe noch ein etwas älteres Foto aus dem Lager gefunden. Auf diesem ist – neben zwei Jugendfreunden – auch ein Teil des „Wagenparks“ von Rahn zu sehen. Wenn man genau hinsieht, erkennt man auch noch den Messerschmidt-Kabinenroller:

lager_17

09.08.2011

Da der Brarup-Markt 2011 jetzt der Vergangenheit angehört, kann man sich nun wieder nicht mehr ganz so aktuellen Ereignissen zuwenden. Horst Hennings – in Süderbrarup bekannt als „Kanonier“ bei der Brarup-Markt-Eröffnung und ehemaliger Schlagzeuger der „Cherry’s“, der Nachfolgegruppe der Tanzkapelle „Die Mucks“ (über die es jetzt auch einen eigenen Artikel gibt) – hat die Lagererlebnisse gelesen und mir einige persönliche Erinnerungen an Dietrich Rahn berichtet (siehe weiter unten). Daher habe ich diesen Artikel mal wieder etwas weiter nach oben geholt.

Und endlich gibt es auch ein Foto von dem „sagenumwobenen“ Dietrich Rahn, der sich selbst Dr. Rahn nannte. Auf dem Bild aus dem Jahre 1961, das mir freundlicherweise Hans Heinrich Hennings zur Verfügung stellte, ist Rahn in der Mitte zu sehen flankiert von Gerhard Erichsen (links) und Hans Heinrich Hennings (rechts). Die Aufnahme ist offensichtlich inmitten des Rahn’schen Sammelsuriums im Lager entstanden und zeigt ihn mit einer für seine Verhältnisse sehr ordentlichen Frisur.

rahn_erichsen_hennings_1961 rahn-bei-kiel

Und links das wohl letzte noch existierende Foto von Dietrich Rahn, als er schon in der Nähe von Kiel wohnte. Das Foto hat mir Horst Hennings zur Verfügung gestellt, aufgenommen wurde es von Helmut Lax.

 

 

 

Übrigens: Sollte jemand auch noch Erinnerungen an die „guten alten Zeiten“ Süderbrarups oder sogar Bilder aus dieser Zeit haben, ist er herzlich eingeladen, durch einen Kommentar oder über die im Impressum angegebenen Kontaktmöglichkeiten zu diesem WebLog beizutragen.

Und hier nun der ursprüngliche Artikel:


Im zweiten Teil des Lagerlebens nun zu ein paar Leuten, die mir aus meiner Kinderzeit im Süderbraruper Flüchtlingslager besonders in Erinnerung geblieben sind. Da war zunächst Anna Kaatz, eine Kriegerwitwe aus Pommern, die auch ihre beiden Söhne im Krieg verloren hatte. Sie lebte daher alleine in einem Zimmer neben uns in der Lagerleitungsbaracke. Oma Kaatz, wie sie von mir in Ermangelung greifbarer leiblicher Großmütter genannt wurde, stammte von einem Bauernhof. Der ländliche Ursprung prägte auch ihr Leben im Lager. So ging sie – wie viele andere Lagerbewohner auch – nach der Ernte zu den umliegenden Bauernhöfen, um die abgeernteten Felder nach vergessenen Kartoffeln oder Getreideresten abzusuchen, die dann in ihrer Einzimmerwohnung zu Essbarem verwertet wurden.

Auch zog sie in ihrem kleinen Zimmer junge Gänse, die sie als „Güssel“ bezeichnete, auf. Zunächst wurden die befruchteten Eier in einem Pappkarton brutwarm gehalten, bis nach und nach die jungen Gänse schlüpften. Später wurden die Gänse dann mit den auf den Feldern aufgelesenen Getreideresten gefüttert oder auch zwecks schnellerer Zunahme gestopft, was heute unter Tierschützern absolut verpönt ist. Bei ihr lernte ich auch Gerichte kennen, die ich in der Form von zu Hause nicht kannte, wie z.B. Schwarzsauer. Da mir Oma Kaatz in meiner frühen Kindheit wie eine eigene Oma ans Herz gewachsen war, war es für meine Eltern auch keine Frage, ein Zimmer für sie in unserem neu erbauten Haus zu reservieren.

kaatz Gleich nebenan hatte der Kaufmann Hahn seinen Gemischtwarenladen. Obwohl der Laden nur aus zwei kleinen Räumen bestand, führten Karl Hahn und seine Frau dort ein volles Sortiment an Lebensmitteln und Haushaltswaren. Beliebt war Hahn auch deshalb bei den Lagerbewohnern, weil man bei ihm anschreiben konnte. Die Einkäufe wurden in einer Kladde notiert und die Summe am Ende der Woche oder des Monats beglichen.

Besonders interessant fanden wir Kinder den Vorratskeller des Ladens, der über eine Luke im Fußboden des hinteren Ladenraums erreicht wurde. Hier lagerten die merkwürdigsten Sachen, die wohl zum Teil in Ermangelung eines Käufers nie wieder an die Oberfläche kamen. Jeden Morgen lieferte der Brebeler Becker Brot und Kuchen im Laden an. Das war für mich und meinen Freund Peter der Zeitpunkt, bei Karl Hahn vorbeizuschauen, um uns unseren allmorgendlichen Kopenhagener mit Pflaumenmus oder Marzipan für damals 10 Pfennige zu kaufen. Eine Attraktion waren für uns auch die großen Gläser mit den verschiedensten Bonbons oder kegelförmige Lollis, deren Stiel aus Plastik war und ein einfachstes Flugzeugmodell darstellte.

Neben Kaufmann Hahn war damals die Süderbraruper Polizeistation. Hier taten zwei Polizisten ihren Dienst: Der etwas ältere Herr Frank, der immer sehr freundlich zu uns Kindern war und Herr Strehlow, vor dem wir wegen seines strengen Blickes Angst hatten. Auf der Fahrbahn vor der Dienstbaracke parkte der Dienstwagen der Polizisten, ein dunkelgrünes Käfer Cabriolet, zu dem wir nur EUT-Wagen sagten (das Auto hatte damals ein Eutiner Kennzeichen). Der nette Herr Frank ließ uns schon mal in dem Auto Probesitzen oder auch mal einen Blick in das Polizeibüro werfen, wo uns die großen Plakate (mit Fahndungsaufrufen) beeindruckten aber auch ein bisschen Angst einflößten.

Direkt neben dem Lager befand sich, wie schon im ersten Teil beschrieben, das Gemeindeeigene Sechsfamilienhaus, von uns gemeinhin „Neubau“ genannt. Das Gelände des Neubaus wurden von einem griesgrämigen pensionierten Bahnbeamten beherrscht: Opa Lau. Opa Lau war auf Kinder im Allgemeinen und auf uns Lagerkinder im Besonderen nicht gut zu sprechen. Wie schon beschrieben gab es fließendes Wasser für die Lagerbewohner in der Waschbaracke, für uns also am völlig anderen Ende des Lagergeländes. Der Neubau aber hatte eine Wasserpumpe im Außenbereich nur wenige Meter von uns entfernt, jedoch durch einen Stacheldrahtzaun abgetrennt. Klar, dass es sich meine Schwestern, wenn sie Wasser holen sollten, so einfach wie möglich zu machen versuchten. Zunächst galt es herauszufinden, ob Opa Lau in der Nähe war. Dann schnell hinüber, die (laut quietschende) Pumpe bedient und möglichst ohne Wasserverlust und ohne von Lau erwischt zu werden zurück über den Zaun. Die Zeit- und Kraftersparnis lohnte das Risiko allemal.

breitlow Am anderen Ende des Lagergeländes betrieb der Tischler Breitlow, der hauptberuflich in der damaligen Möbelfabrik Hübner arbeitet, eine kleine Tischlerwerkstatt. Hier hielten wir Kinder uns gerne auf, um dem stets freundlichen Herrn Breitlow bei der Arbeit zuzusehen. In der Werkstatt roch es gut nach frisch gesägtem Holz und den ohrenbetäubenden Lärm von Kreis- und Bandsäge fanden wir beeindruckend. Außerdem durften wir uns an den Abfällen der Werkstatt bedienen: Sägemehl, kleine Leisten oder Holzklötze mit denen man damals in Ermangelung anderen Spielzeugs eine Menge anfangen konnte.

Die wohl schillerndste Person im Lager war Dietrich Rahn, von den meisten einfach nur Rahn von manchen aber auch abfällig Negus genannt. Rahn war sehr ungepflegt, trug eine für damalige Verhältnisse sehr wirre Krauskopf-Frisur und hatte einen dunklen Teint. Selbst im kalten Winter trug er an den Füßen nur Sandalen ohne Strümpfe. Über die Herkunft Rahns kursierten die unterschiedlichsten Geschichten, mal sollte er knapp dem Konzentrationslager entkommen, mal der uneheliche Sohn einer reichen Familie sein.

rahn-1961 Er lebte am Ende des Lagergeländes in zwei alten Holzwohnwagen umgeben von allerlei alten Autos, Motorrädern, Fahrzeugteilen und sonstigem Schrott. Unseren Eltern war Rahn suspekt, was uns Kinder aber nicht davon abhielt, uns gerne in seiner Nähe aufzuhalten. Einerseits bot sein Platz allerhand Spielmöglichkeiten, andererseits hatte er die merkwürdigsten angeblich selbst erlebten Geschichten zu erzählen. Und Rahn hatte immer Zeit für uns, was man von den übrigen Erwachsenen nicht behaupten konnte. So lauschten wir ihm gebannt auf der Treppe zu seinem Wohnwagen sitzend, während er drinnen sein Brot mit Margarine und dick mit Zucker bestreut aß und seinen dünnen Milchkaffe dazu trank. Bloß essen wollte keiner von dem, was er uns anbot.

Wovon Rahn eigentlich lebte, blieb uns verborgen und interessierte uns damals auch nicht. Wahrscheinlich verdiente er sich eine Kleinigkeit mit Reparaturarbeiten an Fahrzeugen, denn darin war er sehr geschickt. Er selbst hatte auch mehrere fahrbereite Fahrzeuge, wobei er es mit deren amtlicher Zulassung und Versicherung wohl nicht so genau nahm. Doch das interessierte uns Kinder damals wenig, wenn er uns in seinem Messerschmitt Kabinenroller oder seinem Tempo Dreiradauto mitfahren ließ. Bloß unseren Eltern wurde angst und bange, wenn sie später von uns hörten, wir wären mal wieder mit Rahn unterwegs gewesen.

Anmerkung: Aus der damaligen Zeit gibt es leider nur wenige Fotos, da einerseits die Leute Wichtigeres zu tun hatten, als zu fotografieren und andererseits die Fotos die Lagerjahre zum Teil nicht unbeschadet überstanden haben.

 


Horst Hennings berichtet:

Bevor Dietrich Rahn in seine Wohnwagen im Flüchtlingslager zog, bewohnte dieser ein einzelnes kleines Zimmer im Haus von Dea Lorenzen in der Westenstraße 1 (frühere Handweberei). Hier lernte er Rahn zum ersten Mal kennen. Später besuchte er Rahn oft im Lager, um dort an Mopeds oder Ähnlichem zu basteln.

An die in den Lagererlebnissen berichtete Geschichte mit dem Floß erinnert er sich noch gut, denn er hatte Rahn die zum Floßbau benutzten Kanister besorgt. Das Floß lag noch längere Zeit auf  dem Teich am Lagerende, musste aber später auf „höhere Weisung“ entfernt werden.

Nachdem die hölzernen Wohnwagen mit der Zeit unbewohnbar geworden waren, bezog Rahn zwei Räume in einer Baracke im oberen Teil des Lagers, wobei diese Räume mehr einem Ersatzteillager glichen. Außerdem hatte er später einen für damalige Verhältnisse modernen neuen Wohnwagen, der mitten auf dem freien Platz im vorderen Bereich des Lagergeländes stand. Hier ereignete sich auch etwas, das damals sogar durch die lokale Presse ging. Rahn wurde eines Nachts von einem jungen Mann, der bei ihm ein und aus ging, überfallen und mit einem Bügeleisen niedergeschlagen. Er erholte sich aber von diesem Überfall relativ schnell und war bald wieder der Alte.

Später zog Rahn mit seinem Wohnwagen in Süderbrarup und Umgebung mehrmals um. Zunächst lebte er für kurze Zeit im Heidbergweg in Süderbrarup, später an einem Feldweg, der von der Ruruper Straße nach Flarup führte. Von dort verschlug es ihn an den Nord-Ostsee-Kanal südlich von Gettorf. Schließlich soll er in einem Heim in Kiel-Gaarden untergekommen sein, wo er wohl auch verstorben ist.


Helmut Marxen schreibt dazu:

Hallo Dieter, beim Stichwort „Lagerleben“ und den Erlebnisberichten werden Erinnerungen an meine damalige Tätigkeit in der Amtsverwaltung wach. Oft genug mussten wir zu schlichten versuchen und gar behördliche Regelungen andeuten, um das alltägliche Miteinander der Lagerbewohner erträglich zu gestalten. Wir: das waren dein Vater als Lagerverwalter und späterer Sozialamtsleiter und ich als Mitarbeiter im Ordnungsamt. Vor allem der Typ Rahn hat uns oft genug beschäftigt.

Anm.: gemeint ist hier natürlich „Typ“ im Sinne von „Original“

Das ist richtig. Selbst obwohl ich damals noch klein war, habe ich einiges von den Problemen mitbekommen. Besonders beschäftigt hat meinen Vater damals die Familie Teichert. Frau Teichert war korpulent und beinamputiert und hatte Probleme, ihre Kinder zu „bändigen“. So war mein Vater als Vormund von Frau Teichert oft damit beschäftigt, sich um die kleinen und großen Probleme dieser Familie zu kümmern.

 

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3 Kommentar zu „Lagerleben“ in Süderbrarup (2) – Lagerleute

  1. Helmut Marxen schreibt:

    Hallo Dieter, beim Stichwort „Lagerleben“ und den Erlebnisberichten werden Erinnerungen an meine damalige Tätigkeit in der Amtsverwaltung wach. Oft genug mussten wir zu schlichten versuchen und gar behördliche Regelungen andeuten, um das alltägliche Miteinander der Lagerbewohner erträglich zu gestalten. Wir: das waren dein Vater als Lagerverwalter und späterer Sozialamtsleiter und ich als Mitarbeiter im Ordnungsamt. Vor allem der Typ Rahn hat uns oft genug beschäftigt.

  2. admin schreibt:

    Es gibt ein neues Bild aus dem Lager, auf dem auch ein Teil des Rahn’schen „Wagenparks“ zu sehen ist.

  3. Achim Gutzeit schreibt:

    Wunderbar und sehr lebendig beschrieben! Mehr davon!

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