„Lagerleben“ in Süderbrarup (3) – Lagererlebnisse

Und jetzt zum Abschluss des Süderbraruper Lagerlebens einige Kindheitserlebnisse im Süderbraruper Flüchtlingslager.

brebel Für uns nicht schulpflichtige Kinder bestand Süderbrarup damals eigentlich nur aus dem Lager. Hier gab es alles, was wir brauchten: einen Kaufmann für kleine Naschis, viele Spielkameraden und vor allem viel Platz zum Spielen. Den Rest des Ortes sahen wir bestenfalls einmal im Jahr zum Brarup-Markt. Ein anderer Ausflug führte uns um die Pfingstzeit nach Brebel zum dortigen „Jahrmarkt“ auf dem Platz neben der Gastwirtschaft Krüger. Dieser Markt bestand zwar nur aus einem Kettenkarussell und drei Buden, aber unsere Eltern schätzten ihn als ungefährlich ein und ließen uns auch schon mal ohne Aufsicht die wenige 100 Meter dorthin rollern.

Ansonsten gab es auch im Lager genügend aufregende Dinge. Eines Tages sahen wir in dem Gartengelände hinter unserer Baracke einige Männer in Tarnanzügen mit geschwärzten Gesichtern und Gewehren in der Hand herumlaufen. So etwas hatten wir noch nicht gesehen und waren dementsprechend ängstlich. Ein älterer Junge sagte uns, das seien Tommies – doch damit konnten wir auch nichts anfangen. Also liefen wir lieber nach Hause und blieben drinnen, bis die fremden Männer wieder verschwunden waren. Es müssen wohl wirklich englische Soldaten im Manöver gewesen sein, denn Schleswig-Holstein war damals noch britische Besatzungszone.

lager_16 Ein weiterer Fremder erschien eines Tages vor dem Laden des Kaufmanns Hahn. Er trug die typische Zimmermannskleidung, hatte aber unendlich lange Beine, so dass er auf sich auf das relativ niedrigeBarackendach setzen konnte. Kaufmann Hahn brachte ihm auf Bestellung ein Leberwurstbrötchen und etwas zu trinken. Auf dem Dach sitzend stärkte er sich, bevor er von uns bestaunt auf seinen Stelzen weiterzog.

Besonders liebten wir es, wenn wieder einmal eine Kohlenlieferung für die Bewohner fällig war. Dann erschien der Kohlenwagen der Firma Carstensen, gezogen von zwei Kaltblütern. Der nette Kutscher ließ uns am Lagereingang auf den Wagen steigen und wir fuhren die Runde von Baracke zu Baracke mit und sahen den Männern zu, wie sie die schweren Kohlensäcke zu den einzelnen Wohnungen schleppten. Pferdefuhrwerke waren zu Beginn der fünfziger Jahre überhaupt noch das gängige Lastentransportmittel. Auch der Fuhrunternehmer Paul Tonn, der in der Schleswiger Straße gleich neben dem Lagergelände wohnte, hatte solch ein Fuhrwerk und ließ uns gelegentlich mitfahren.

mamsen Ein werktäglicher Besucher im Lager war auch der Milchmann Mamsen, der Milch, Käse und andere Lebensmittel von seinem Wagen aus verkaufte. Dieser Wagen wurde ebenfalls von einem Pferd gezogen. Mit einer am Wagen angebrachten Glocke läutend machte er seine Runde um den Lagerplatz. Da ich zu der Zeit ein großes hölzernes Pferd auf Rädern hatte, spielte ich natürlich Milchmann. Aber irgendetwas hatte ich wohl nicht richtig verstanden. Denn wie man mir später erzählte, verkaufte ich die Milch an meine Kunden, indem ich das leere Gefäß unter den Pferdeschweif hielt, um es mit Milch zu füllen.

Überhaupt waren unserer Phantasie kaum Grenzen gesetzt. Einmal bekamen wir von Tischler Breitlow alte Pinsel geschenkt. Also mussten wir etwas anstreichen, und zwar die Baracken. Was tun, wenn keine Farbe zur Verfügung steht? Wir füllten alte Konservendosen mit Wasser und strichen damit die Barackenwände an. Die sahen dann für einige Minuten wie frisch gestrichen aus, bis das Wasser in der Sonne getrocknet war. Für uns kein Problem; man konnte sie ja wieder neu „anstreichen“.

lager_15 Gern spielten wir auch an dem kleinen Teich am äußersten Ende des Lagergeländes. Einmal hatten wir mit dem dort in einem Wohnwagen hausenden Rahn ein Floß gebaut. Er hatte dafür leere Blechkanister aus seinem Schrottvorrat zusammengesucht, die den Schwimmkörper des Bootes bildeten. Darauf wurden zwei alte Türen als Plattform befestigt. Die Probefahrt wollte Rahn selber machen. Er hatte sich dafür als Paddel einen großen Holzlöffel besorgt, wie sie damals zum Umrühren der Wäsche in den Waschkesseln benutzt wurden. Damit stieß er sich vom Ufer ab und bewegte sich in Richtung Mitte des etwa 10×10 Meter großen Tümpels. Leider fiel ihm dabei sein Paddel ins Wasser. Zeternd balancierte er auf dem schwankenden Floß, während wir sicherheitshalber das Weite suchten. Als wir später noch einmal nachsehen gingen, saß er schon wieder in seinem Wohnwagen und fluchte wie ein Rohrspatz. Er war zwar wohlbehalten, aber nicht trocken ans Ufer gekommen. Das Floßschiffahrt war jedenfalls daraufhin für uns erledigt.

Es gab noch viele schöne Erlebnisse aus der Lagerzeit. Auch später, als meine Familie schon nicht mehr dort lebte, ging ich weiterhin gerne ins Lager, um mit den alten Spielkameraden zu spielen. Und es waren auch immer genug Kinder da, um Fußball, Schlagball oder Völkerball zu spielen. Heute ist das große Gelände, das damals einem Abenteuerspielplatz glich, dicht mit Gewerbebauten zugebaut. Was bleibt, ist die Erinnerung an eine unbeschwerte Kindheit.

Nachtrag

Beim Stöbern auf dem Dachboden habe ich noch einige Bilder aus meinem Lagerleben aus dem Jahr 1950 gefunden. Die Qualität ist verständlicherweise nicht besonders gut.

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