„Lagerleben“ in Süderbrarup (1) – Das Lager

Es gibt sicherlich nicht mehr allzu viele Süderbraruper, die sich an das Flüchtlingslager an der Schleswiger Straße erinnern.  Auch im Internet und in den Chroniken der Gemeinde Süderbrarup ist nicht viel darüber zu finden. Also dachte ich mir, es wäre mal ganz interessant, etwas über dieses Lager zu berichten, in dem ich meine Kindheit bis zum fünften Lebensjahr verbracht habe,

gmaps_lager Der Bereich des Lagers lag an der Schleswiger Straße dort, wo heute der Flensburger Damm in die B201 mündet und erstreckte sich in einem relativ schmalen Streifen weit nach Süden. Seinen Ursprung hatte es in dem Reichsarbeitsdienst-Lager „Gerhard der Große“. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde in den Baracken dieses Lagers ein Durchgangslager für die zahlreichen Flüchtlinge eingerichtet, die es durch die Wirren des Zweiten Weltkriegs nach Süderbrarup verschlagen hatte.

Die Süderbrarup Chronik aus dem Jahre 1981 schreibt dazu:
„Ein besonderes Problem war die Unterbringung der Heimatvertriebenen. In geschlossenen Trecks kamen sie nach monatelanger und strapazenreicher Fahrt hier an. Nachdem das Hilfskrankenhaus im ehemaligen Arbeitsdienst- bzw. Maidenlager in der Schleswiger Straße aufgelöst war, wurde es im April 1946 zu einem Durchgangslager für Vertriebene umfunktioniert. ak_lager Zeitweise musste das Lager bis zu 500 Personen aufnehmen. Von dort wurden die Familien, die zwischen 4 und 6 Wochen im Lager bleiben mußten, in andere Unterkünfte in Süderbrarup oder in den Nachbargemeinden vermittelt. Die Baracken, die ursprünglich in drei Räume aufgeteilt waren, wurden jetzt in 12 Räume unterteilt. Erst 1952 wurde das Wohnen im Lager etwas menschenwürdiger“

dokument Etwa um diese Zeit setzen auch meine ersten Erinnerungen an das Flüchtlingslager ein. Mein Vater war zur damaligen Zeit sogenannter Lagerleiter, das heißt, er war für die Verwaltung des Lagers, kleinere Instandsetzungsarbeiten aber auch für solche Dinge wie Bestellung von Kohlen für die Familien, Heizen der Gemeinschafts-Waschräume oder auch die Schlichtung von kleineren Streitigkeiten zuständig. Dafür bekam er den damals nicht unbedeutenden Betrag von 75 D-Mark monatlich.

Leider besitze ich keine Fotos vom Lagergelände in den frühen 50er Jahren. lager_plan Mit einem Übersichtsbild aus den Zeiten des RAD Lagers als Erinnerungshilfe habe ich versucht, einen Lageplan des damaligen Lagergeländes so gut wie möglich zu erstellen, wobei sicherlich nicht alles maßstabsgetreu ist.

Direkt an der Einmündung zur Schleswiger Straße lag die Lagerleiter-Baracke, in der auch wir wohnten. In dieser Baracke waren neben den Wohnungen auch der Gemischtwarenladen von Karl Hahn sowie bis etwa 1958 die Süderbraruper Polizeistation untergebracht. Der Laden von Hahn wurde nicht nur zum Einkaufen von den Lagerbewohnern gerne besucht, dort war auch das einzige damals für sie erreichbare Telefon. Diese Verwaltungsbaracke hatte für ihre Bewohner einen weiteren Vorteil: sie besaß ein eigenes Plumpsklo auf dem Hof. So musste man nicht wie die anderen Bewohner den weiten Weg zum Toilettenhäuschen im südlichen Bereich des Lagers auf sich nehmen.

lager_gesamtbild Die übrigen Wohnbaracken des Lagers waren um einen zentralen Platz herum gruppiert, und zwar jeweils zwei an den beiden Seiten, eine weitere an der Stirnseite des Platzes sowie an der südlichen Seite die etwas größere ehemalige Küchenbaracke, die aber inzwischen auch zu Wohnzwecken genutzt wurde. Hinter der vorderen Baracke auf der linken Seite war unter einem Hügel ein kleiner Bunker versteckt, der damals jedoch als Kartoffelkeller genutzt wurde. Hinter der Küchenbaracke schloss sich ein weiterer großer Platz an. Auf der linken Seite dieses Platzes befanden sich die Waschbaracke, eine weitere Baracke, in der der Tischler Breitlow eine kleine Werkstatt unterhielt sowie die Gemeinschaftstoiletten in einem kleinen gemauerten Gebäude. An der gegenüberliegenden Seite dieses hinteren Platzes standen eine weitere Wohnbaracke sowie zwei sogenannte Behelfsheime. Am äußersten Ende des Lagergeländes in der Nähe eines kleinen Teiches standen zwei Wohnwagen, die von einer etwas exotischen Person, die alle nur Rahn nannten, bewohnt wurden.

Die Baracken aus Holz waren in einer genormten Rasterbauweise erstellt, das heißt, die Seitenwände waren aus Elementen von ca. 1,10 Metern Länge zusammengesetzt, die je nach Bedarf Fenster bzw. Türen enthielten. Die Breite der Baracken betrug etwa 8 Meter. baracke_neubau Diese Bauweise ist am nebenstehenden Bild gut zu erkennen. Die größten Wohnungen hatten damit ein Außenmaß von etwa 5,50 x 8 Metern und waren normalerweise in zwei Räume aufgeteilt: eine Wohnküche und ein Schlafzimmer. Dass die Wohnverhältnisse bei Familien mit mehreren Kindern dadurch sehr beengt waren, kann man sich leicht vorstellen.

Es gab damals im Lager keine zentrale Wasserversorgung, das Wasser musste in Eimern aus der Waschbaracke geholt werden. Die Waschbaracke beherbergte an der einen Seite einen großen Raum mit mehreren einfachen Waschgelegenheiten, auf der anderen Seite war ein Raum mit mehreren großen Waschkesseln, die mit Kohle beheizt wurden. Hier konnten die Lagerbewohner ihre Wäsche waschen, wobei natürlich die Benutzungszeit untereinander abgestimmt werden musste.

Fast am Ende des Platzes stand ein gemauertes Gebäude, dass die Gemeinschaftstoiletten für die Lagerbewohner beherbergte. Dabei handelte es sich um Plumpsklos, was dazu führte, dass der Bereich um das Toilettengebäude nicht gerade als wohlriechend bezeichnet werden konnte.

neubau Ebenfalls zum RAD Lager gehörte ursprünglich das Haus Schleswiger Straße 77. Gebaut als Schuppen und Fahrrad-Abstellhalle wurde es nach dem Krieg von der Gemeinde übernommen und zu einem Sechsfamilienhaus umgebaut und erweitert. Dieses vom Flüchtlingslager durch einen Zaun abgegrenzte Haus besaß eine eigene Wasserpumpe auf dem Hof und eigene Toiletten im Anbau. Von den Lagerbewohnern wurde es gemeinhin als „Neubau“ bezeichnet.

Im Laufe der Jahre ging die Zahl der Lagerbewohner immer weiter zurück. Einige Familien siedelten um – vorzugsweise nach Nordrhein-Westfalen, weil dort die Möglichkeiten, eine Beschäftigung zu finden, weitaus größer waren als im industriearmen Schleswig-Holstein. Ander wiederum fanden eine bessere Wohnung in Süderbrarup oder einer der Nachbargemeinden. Vollständig geschlossen werden konnte das Lager aber erst 1957/58. Die restlichen Bewohner fanden damals eine Unterkunft in den am Berliner Ring von der Wobau Schleswig-Holstein erbauten Mehrfamilienhäuser.

Einige Baracken des Lagers wurden noch für einige Zeit als Obdachlosenunterkunft der Gemeinde genutzt, bis sie durch ein massiv gemauertes Gebäude auf dem Lagergelände ersetzt wurden. Die alten Baracken wurden daraufhin abgerissen und zum Teil an Handwerker oder Landwirte verkauft.

Die Zeit im Lager war trotz der beengten und primitiven Wohnverhältnisse vor allem für die Kinder eine Zeit, an die man sich gerne zurückerinnert, gab es doch auf dem großen Gelände vielfältige Spielmöglichkeiten und – jedenfalls in der Anfangszeit – zahlreiche gleichaltrige Spielkameraden. Doch davon mehr in einem folgenden Artikel.

 

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6 Kommentar zu „Lagerleben“ in Süderbrarup (1) – Das Lager

  1. Hartmut Domröse schreibt:

    Ich kann mich ebenfalls noch an das „Lager“ erinnern, allerdings haben wir nicht dort gewohnt. Ich bin 1944 geboren und 1945 mit meiner Mutter aus Ostpreußen über mehrere Stationen in Westpreußen, Pommern, Brerlin und Rügen in Süderbrarup gelandet. Meine Mutter hatte uns von der Front aus angeschrieben und angeordnet, dass sie sich nach Kappeln durchschlagen solle. Der Zug aus Schleswig endete aber bereits in Süderbrarup. So blieben wir hier. Wir bekamen (woher auch immer) ein Zimmer in einem Doppelhaus in der Mühlenstraße. An die Umstände kann ich mich nicht erinnern, aber nachdem mein Vater aus der Gefangenschaft entlassen worden war, organisierte er es, dass wir von der anderen Doppelhaushälfte ebenfalls ein Zimmer bekamen. Es wurde ein Durchgang geschaffen und ein Küchenabteil vom Flur abgeteilt. So lebten wir bis 1956 in der Mühlenstraße. Zeitweise waren in diesem Doppelhaus 4 Familien mit zusammen 8 Kindern untergebracht. Das war ein prima Ersatz für einen Kindergarten, den es damals in Süderbrarup noch nicht gab.

    An den Sonderling „Rahn“ kann ich mich noch erinnern.

  2. Uwe C. Christiansen schreibt:

    Hallo nach Süpderbrarup,
    bei der geschilderten Barackenbauweise handelt es sich möglicherweise um die damals übliche „Solomit“ Bauweise.
    Diese Bauweise wurde von Anfang an in der Nazizeit für die Unterkünfte verwendet,
    d.h. Reichsarbeitsdienst, später sog. Fremdarbeiter usw.
    Genaueres über diese Barackenbauweise kann man hier nachlesen:
    http://www.beirat-fuer-geschichte.de/fileadmin/pdf/band_06/Demokratische_Geschichte_Band_06_Essay10.pdf

    Gruß
    Uwe

  3. Corinna Merkel schreibt:

    So langsam lese ich mich (rückwärts) durch diesen Blog. Und ich erfahre viel Neues über Süder. Aber dass hier schon der „Dritte Weltkrieg“ stattgefunden hat, bezweifle ich doch… 😉

    Im zweiten Absatz ist dieser Schreibfehler zu finden.

    Grüsse, Corinna Merkel

  4. Achim Gutzeit schreibt:

    Sehr beeindruckender Artikel!
    Bin schon gespannt auf die „Fortsetzung“.
    Hoffentlich findest oder bekommst du noch mehr Bildmaterial.
    Achim

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