Als Landbriefträger in Böel

Heute geht es mal nicht um Süderbrarup sondern um unsere Nachbargemeinde Böel und das kommt so:

boel_01 Angeregt durch das gute Wetter der letzten Tage war mal wieder eine ausgedehnte Fahrradtour fällig. Da erinnerte ich mich daran, dass ich Anfang der 70er Jahre auf Vermittlung des Süderbraruper Postamtsleiters Georg Hansen einen Fereinjob als Landbriefträger in Böel bekommen hatte. Die Zustellung der Post erfolgte damals per Drahtesel. Also machte ich mich auf den Weg, um zu sehen, woran ich mich noch erinnerte und was ich noch wiedererkannte – und siehe da: es war noch eine ganze Menge.

boel_03 Böel hatte damals noch eine eigene Poststelle. Poststellenleiterin war Frau Block. Die Posbüro mit Schalter befand sich im Erdgeschoss dieses Gebäudes. Poststellenleiterin war Frau Block. Es gab zwei Postzustellbezirke, die zu Böel gehörten: der eine umfasste den größten Teil von Böel selbst sowie die Bereiche in Richtung Rurup bzw. Norderbrarup – er wurde von Frau Sohrt „bedient“. Der zweite Bezirk umfasste den nördlichen Teil von Böel sowie Böel-Ulegraff, Böelschuby und Böelwesterfeld – hier trug Herr Paetsch die Post aus, und den sollte ich während seines Urlaubs vertreten.

boel_04 So machte ich mich denn am Tage meines Diesntbeginns mit dem Fahrrad auf zur Poststelle nach Böel, wo ich von den Mitarbeitern freundlich empfangen wurde. Erste und wichtigste Aufgabe war es, zunächst eine Liste der Häuser und Bewohner in der Reihenfolge aufzustellen, wie sie an der Strecke der Fahrradtour lagen. Außerdem konnte man schon mal vermerken, wer welche Tageszeitung bekam.

boel_06 Gegen 8.30 Uhr kam dann der Postwagen aus Kappeln und brachte die Tagespost. Sie war schon nach den beiden Zustellbezirken vorsortiert, so daß man die Briefe, Postkarten, Zeitungen usw. nur noch nach der vorher erstellten Liste für seine eigene Tour sortieren musste. Alles wurde in der richtigen Reihenfolge in der großen lederne Posttasche verstaut. Tasche umhänegn, einzelne Pakete und Päckchen auf Gepäckträger und am Lenker befestigen – dann konnte die erste Tour unter der Anleitung von Herrn Paetsch beginnen.

boel_08 Zunächst ging es die Landesstraße Richtung Mohrkirch bis Böelkamp. Der Hof von Lausen war die letzte zu versorgende Adresse – von dort ging es wieder zurück nach Böel in den Lehmberger Weg. Nach einem kurzen Abstecher in den Ort Böel hinein, wo merkwürdigerweise einige Häuser in Nieby und der Schmiedestraße zu meinem Zustellbezirk gehörten, ging es hinauf auf den Lehmberg zu den Höfen von Lassen und Plath. Damit war dann Böel selbst relativ problemlos abgehakt, nur auf dem Bauernhof von Plath fiel mir schon am ersten Tag ein kleiner giftiger Hund auf, der uns bei Annäherung schon kläffend entgegenkam. Als er Herrn Paetsch erkannte, beruhigte er sich aber.

boel_10 Mit diesem Hund gab es später, als ich die Tour alleine bewerkstelligen, musste noch eine lustige Begebenheit. Eines Tages, als ich die Post schon bei Plath abgeliefert hatte, lief das kläffende Tier hinter mir her und schnappte nach meinen die Pedalen tretenden Füßen. Da hörte ich vom Hof den Ruf: „Friedrich Wilhelm (oder wie immer Herr Plath hieß), bei Fuß“. Merkwürdig, dachte ich – heißt der Hund etwa wie sein Herrchen. Aber das Tier reagierte und ließ mich in Ruhe.

boel_13 Weiter ging es den Lehmberg hinunter nach Böel-Ulegraff – hier gab es nur etwa acht einzelne Häuser und das einzige, was ich mir merken musste, war, dass gleich im ersten Haus die einzigen „Kieler Nachrichten“ der gesamten Tour abzuliefern waren. Im großen Bogen ging es dann über den Bauernhof Brix nach Böelschuby, das damals noch eine selbständige Gemeinde war. Nachdem die Post im kleinen Dorfzentrum verteilt war, war laut Herrn Paetsch die Hälfte der Zustelltour bewältigt.

boel_15 Damit war es an der Zeit, eine kleine Pause einzulegen und dafür bot sich der Gemischtwarenladen Gaasch an. Hier konnte man ein belegtes Brötchen und etwas zu trinken erstehen, um sich für den Rest des Weges zu stärken. Herr Paetsch hielt erst einmal einen ausgiebigen Klönschnack über allerlei Dorftratsch, bei dem ich als Nichteingeweihter nur staunend zuhören konnte.

boel_17 Gestärkt ging es dann weiter, zunächst geradeaus über die Kreuzung zum Anwesen von Rothberg, bewacht von einem Schäferhund, dem die sich beim Radfahren bewegenden Beine des Postzustellers eine willkommene Beute zu sein schienen. Auch bei meinen späteren Besuchen wurde dieser Hund nicht mehr mein Freund, obwohl mir die Bewohner versicherten: „Unser Hund beißt nicht!“ Immerhin konnte er einen schwer bepackten Rad fahrenden Briefträger schon mal ins Straucheln bringen. Jedenfalls war ich später dankbar für jeden Tag, an dem es keine Post für Rothberg gab.

boel_20 Weiter ging es dann Richtung Neuböelschuby – eine längere Strecke mit allerdings nur wenigen Kunden auf dem Wege. Hier waren dann allerdings die ersten Besonderheiten zu beachten. Herr Paetsch hatte mit einigen seiner Kunden nämlich bestimmte Regularien vereinbart, wo die Post abzulegen ist, wenn keiner angetroffen wurde. Mal ging es von hinten in das Gehöft in die Waschküche, mal in die Veranda des Altenteils. Das sollte sich für den Rest der Strecke vor allem bei den Bauernhöfen so fortsetzen und ich versuchte, mir das so gut wie möglich zu merken.

boel_22 Dieser Teil der Strecke endete bei einem ziemlich weit abseits gelegenen Bauernhof und eigentlich hätte man umkehren und die gesamte Strecke zurückradeln müssen. Doch es gab eine Abkürzung über die Felder, wie mir Herr Paetsch verriet. Was er nicht sagte, war, dass die Strecke nach Regengüssen so gut wie unpassierbar war. Und so kam es, dass ich einige Male den schon teilweise zurückgelegten Abkürzungsweg wieder zurückradeln musste, um dann doch den langen Rückweg über die befestigten Straßen zu nehmen.

boel_23 Zurück über die Kreuzung in Böelschuby war nun der Rest des Dorfes zu beliefern. Hier wohnten auch mir bekannten Leute aus Böelschuby: der langjährige Amtswehrführer Nielsen, der Lehrer Dr. Schübeler, der heutige Böeler Bürgermeister Block, der Bäcker Hecker und der Mühlenbesitzer Müller, die auch fast täglich Post bekamen.

boel_28 Jetzt ging es auf die Landesstraße nach Böklund in den Ortsteil Böelwesterfeld – und damit auf den unangenehmsten Teil der gesamten Postroute. Einerseits lagen die einzelnen zu versorgenden Höfe und Häuser oft weit abseits der Hauptstraße, so dass man an vielen Stellen in zum Teil bergige Stichstraßen fahren musste, andererseits war die Strecke an der Hauptstraße nur wenig windgeschützt, was entweder auf der Hinfahrt oder auf der Rückfahrt einen Kampf mit dem Gegenwind bedeutete. Wendepunkte war bei Dingwatt, also schon fast an der Abzweigung nach Boholz. Von dort ging es auf der gleichen Strecke wieder zurück, um die letzten an der Strecke liegenden Häuser zwischen Böelschuby und Böel zu versorgen.

boel_31 Besonders beeindruckte mich in einem dieser Häuser eine allein lebende ältere Dame, die blind war: Frau Niebling. Sie bekam des öfteren Geld per Postanweisung zugestellt. Mit traumwandlerischer Sicherheit, konnte sie dabei die einzelnen Geldscheine und Münzen identifizieren, indem sie sie zwischen ihren Fingern rieb.

boel_32 Nach einem letzten Abstecher zur Familie Peetz in Billmoor war die Tour dann beendet und man konnte den Rest des Weges bis zur Poststelle mit geleerter Posttasche und ohne am Rad baumelte Päckchen locker zurücklegen. Nachdem die Formalitäten, wie Eintragen eingenommener Beträge für Briefmarken oder der Zustellvermerke bei Einschreiben, konnte man dann gegen 13.30 Uhr nach getaner Arbeit den Heimweg antreten.

boel_33 Nach der Einweisung durch Herrn Paetsch und mit den Vermerken über Besonderheiten, die ich mir am ersten Tag auf meiner Liste gemacht hatte, klappte mein vierwöchiger Dienst als Landbriefträger relativ reibungslos.  Einige Besonderheiten gibt es allerdings noch zu berichten.

boel_37 Gelegentlich waren Briefe unter der Post, die schon von außen von der Standardpost abwichen. Diese an eine junge Frau adressierten Briefumschläge waren mit kleinen Zeichnungen und Liebesschwüren versehen. Auf meine Nachfrage, sagte meine Kollegin geheimnisvoll: „Die kommen von ihrem Freund – der sitzt und hat nichts Besseres zu tun!“. Nach einiger Zeit fiel bei mir erst der Groschen, was diese Andeutung zu bedeuten hatte.

boel_40 Besonders hasste ich die Zeit, in der die Versandhäuser ihre Herbst-Winterkataloge verschickten – das geschah damals noch mit der Post. In der Woche fuhr man mehrere Tage hintereinander beladen mit einem dicken Stapel Katalog auf dem Gepäckträger durch die Gegend, die bei jenem kleinen Schlagloch aus der Balance kamen und herunterzufallen drohten, so dass man des Öfteren anhalten musste, um die Last wieder sicher zu verstauen.

boel_41 Einige wenige Male waren Briefe mit Zustellungsurkunde auszuliefern – meisten sind das Schreiben von Gerichtsvollziehern, Gerichten oder ähnlichen Stellen. Hier waren besondere Regularien zu beachten, wie und an wen der Brief auszuliefern war. Wenn der Brief mehrfach nicht zugestellt werden konnte, gab es eine Variante, wo der Postbote irgendeinen formalen Text aufsagen musste, so dass die Sendung dann als zugestellt galt. Ich hatte jedoch Glück, denn die Adressaten nahmen diese Sendungen jeweils persönlich entgegen.

boel_43 Auf meiner Tour waren auch zwei Briefkästen zu leeren, die in der Regel allerdings leer waren. Einmal befand sich in dem Briefkasten in Böelschuby allerdings ein amtlich aussehender Brief, der an das Postamt Kappeln adressiert. Ich war ein bisschen erstaunt, wer denn ausgerechnet in Böelschuby einen solchen Brief einwirft. Später erfuhr ich, dass es sich um einen Test des zuständigen Postvorstehers aus Kappeln handelte, mit dem er die Zuverlässigkeit des Aushilfsbriefträgers prüfen wollte.

boel_44 So schlecht muss ich meine erste Urlaubsvertretung aber nicht gemeistert haben, denn im nächsten Jahr durfte ich diesen Job noch einmal machen. Dieses Mal sogar mit dem eigenen Auto anstatt mit dem Fahrrad, was sowohl Transport- als auch Hunde-technisch ein großer Fortschritt war. Bei meinem dritten Ferienjob bei der Poststelle Böel durfte ich dann die erkrankte Poststellenleiterin vertreten, was ich aber eher langweilig fand, denn so groß ist der Kundenansturm bei einer Landpoststelle dann doch nicht, dass man jeweils drei Stunden am Vormittag und am Nachmittag ausgelastet ist.
Postroute Böel auf einer größeren Karte anzeigen

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