„Geschäftsreise“ in die Vergangenheit (5) – Bahnhofstraße (hinterer Teil rechts)

Heute wollen wir den noch fehlenden Teil der Bahnhofstraße in Angriff nehmen und zwar starten wir gegenüber dem ehemaligen Bahnhofscafe auf der anderen Seite der Bismarckstraßen-Einmündung.

bstr_200 Das Haus Nr. 14 wurde in drei Abschnitten erbaut. Der mittlere Teil des Hauses stand bereits, als 1897 der Anbau zur Bismarckstraße erstellt wurde. Der Zwischenbau nach links zum Haus Nr. 16 hin kam dann erst 1924 dazu. bstr_201 Bis 1910 war in diesem Haus die Süderbraruper Apotheke ansässig, die von 1908 bis 1910 von Gustav Siehs betrieben wurde. Anschließend bezog der Zahnarzt Emil Sye das Haus, der neben der Zahnarztpraxis bis 1921 im Untergeschoss ein Zigarrengeschäft betrieb – eine aus heutiger Sicht ungewöhnliche Kombination.

bstr_202 Im großen Laden rechts war auch in den folgenden Jahrzehnten ein Tabakwarenladen unter wechselnden Besitzern untergebracht: auf Wedemeier folgte Sylla, dann Trulsen und schließlich Lühr. Nach Schließung der Fahrkartenschalter im Süderbraruper Bahnhof kann man hier auch Fahrkarten kaufen.

Im kleinen Laden auf der linken Seite waren bis 1953 Friseurgeschäfte, zunächst von Rohde und Skau, danach von Henkel. 1953 eröffnete dort das Lederwarengeschäft Kozinowski.  Nach dem Kauf des gesamten Geschäftshauses baute Gerhard Kozinowski den mittleren Teil des Gebäudes um und verlegte sein Lederwarengeschäft dort hin. Im linken Laden zog daraufhin die Drogerie Walberg aus Kappeln mit einer Filiale ein.  Heute sind dort die Unterrichtsräume der Fahrschule Prang untergebracht. Im mittleren Laden war nach der Geschäftsaufgabe des Lederwarengeschäfts zeitweise ein Fahrradladen, heute ist dort eine Krankengymnastik-Praxis.

bstr_203 Auf dem Grundstück Bahnhofstraße 16 findet man mehrere Gebäude: Da ist zum einen das 1897/98 erbaute Haus Nr. 16, daneben das bereits 1880 erbaute und 1905 aufgestockte Haus Nr. 16a und schließlich die eigentlich zur Bismarckstraße gehörigen Gebäude der ehemaligen Möbelfabrik auf dem Hof. Alle diese Gebäude gehören zum ehemaligen Möbelhaus Bendixen.

bstr_225 Die Firma Bendixen wurde bereits 1874 in Steinfeld gegründet. Nach ihrem Umzug nach Süderbrarup entwickelte sie sich zu einer Möbelfabrik mit zeitweise  bis zu 45 Angestellten. Nach dem zweiten Weltkrieg verlor die Produktion von Möbeln an Bedeutung, die Firma Bendixen bestand aber noch viele Jahre als Möbelgeschäft weiter.

bstr_204 Jetzt zur Nutzung der Gebäude im Laufe der Jahre. Im Haus Nr. 16 befand sich bis 1923 die Möbelausstellung der Möbelfabrik Bendixen, danach hatte dort die Schleibank bzw. später die Schleswig-Holsteinische Westbank ihre Filiale. Von 1967 bis 1990 war in den unteren Geschäftsräumen ein Schuhgeschäft, zunächst von Peter Heinrich Bendixen, später von Schuhhaus Eggers aus Kappeln. Nach Umzug des Schuhgeschäfts in die Große Straße betrieb die Familie Bendixen dort ein Küchenstudio und ab 1997 das Architekturbüro von Gerd Bendixen.

bstr_205 Das Haus Nr. 16a wurde 1905 aufgestockt und zur Möbelausstellung umgebaut. 1957 wurde zunächst eine und 1977 eine zweite Ausstellungshalle angebaut. Im an der Bahnhofstraße gelegenen Gebäude wurde eine Passage mit großen Ausstellungsfenstern angelegt. Bis Mitte der 90er Jahre bot hier das Einrichtungshaus Bendixen seine Möbel zum Verkauf an. 1994 wurde das Gebäude umgebaut und wird seither von der Gemeindebücherei und einer Bausparkasse genutzt.

bstr_206 Im angrenzenden Haus Nr. 18 war über viele Jahre eine „Süderbraruper Institution“ ansässig – das Bahnhofshotel. Das Hauptgebäude wurde 1882 erbaut,1895 wurde der mit dem Giebel zur Bahnhofstraße stehende rechte Gebäudeteil errichtet und die straßenseitige Veranda angebaut. Auch der auf der gegenüberliegenden Straßenseite 1934/35 errichtete Schweineschuppen mit Viehwaage gehörte zum Bahnhofshotel.

bstr_207 Betrieben wurde das Bahnhofshotel von 1989 an vom Gastwirt Hans Heinrich Lundt. 1909 übernahm die Gastwirtsfamilie Emken das Hotel, das bis 1978 im Familienbesitz war. Im Bahnhofshotel tagten sowohl die 1885 gegründete Südangler Gesamtinnung als auch später der 1900 gegründete Handels- und Gewerbeverein, der 1918 in einen alle Bürger vertretenden Bürgerverein umgewandelt wurde. Auch die Süderbraruper Gemeindevertretung hielt in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg dort ihre Versammlungen ab. Neben diesen mehr oder weniger offiziellen Veranstaltungen fanden auch viele Feste und Familienfeiern im Bahnhofshotel statt. Ein besonderes gesellschaftliches Ereignis war das dort stattfindende traditionelle Grünkohlessen.

bstr_208 Nach dem Verkauf des Hotels wurde es im Jahr 1979 abgerissen und auf dem Gelände ein großes Wohn- und Geschäftshaus errichtet. Neben 8 Eigentumswohnungen und einer Zahnarztpraxis wurde im Erdgeschoss ein minimal Supermarkt eingerichtet. Nach Umzug des Supermarktes in die Große Straße betrieb minimal hier noch für einige Zeit ein Geschäft für Haushaltswaren und Geschenkartikel. Später wurde die Verkaufsfläche geteilt. Während im rechten kleineren Teil ein Schlecker-Markt einzog, stand der linke größere Teil längere Zeit leer. Heute belegt der Verandhandel von „Hans natur“ das Untergeschoss.

bstr_209 Auf dem angrenzenden Grundstück Nr. 20 wurde bereits 1885 ein Haus errichtet, das aber schon 1901 abgebrochen und durch das heutige Gebäude ersetzt wurde. Hier betrieb von 1915 an der Kaufmann von der Osten das Textilgeschäft Blöcker & von der Osten. Dieses Geschäft bestand – soweit ich mich erinnere – bis in die 60er Jahre. bstr_210 Später waren hier verschiedene Gastronomiebetriebe ansässig: zunächst der Balkan-Grill, später die Klönstube. Für viele Jahre war in dem Haus dann eine Automaten-Spielhalle, bevor sich in den letzten Jahren verschiedene Gastronomen, darunter ein China-Restaurant, dort versuchten – allerdings anscheinend mit wenig Glück, wie die häufig wechselnden Namen und Besitzer des Lokals vermuten lassen.

bstr_227 Auf dem nebenstehenden Foto sieht man neben dem Geschäftshaus Blöcker & von der Osten noch das alte, 1895 erbaute Sparkassengebäude. Hier war vor dem 2. Weltkrieg die Süderbraruper und Norderbraruper Spar- und Leihkasse ansässig, die später in die Kreissparkasse Schleswig überging. Dieses alte Gebäude wurde 1954 abgerissen und an seiner Stelle ein neues Sparkassengebäude errichtet.

bstr_211 Die Kreissparkasse hatte hier ihren Sitz, bis 1995 das neue Sparkassengebäude in der Großen Straße erbaut wurde. Bis dahin war in den Räumlichkeiten auch das Wahllokal für den westlichen Teil Süderbrarups bei den verschiedenen Gemeinde-, Landtags- und Bundestagswahlen. 1995 kaufte der Süderbraruper Bauunternehmer Claus Lorenzen das Gebäude und baute es zu einem Hotel und Restaurant („Hamester’s Hotel Restaurant“) um.

bstr_212 Das Haus Nr. 26 wurde 1882 erbaut. Anfang des 20. Jahrhunderts wohnte hier der Viehgroßhändler Vogt, der zeitweise bis zu 25 Beschäftigte hatte. 1924 richtete der Rechtsanwalt und Notar Friedrich Vogel hier seine Kanzlei ein, die bis 1974 Bestand hatte. bstr_213 Im Obergeschoss befand sich  in den 80er Jahren zeitweise die Krankengymnastik-Praxis Stach. Im Untergeschoss hat seit 1976 der Zahnarzt Dr. Lufft seine Praxis.

bstr_215 Das Foto auf der linken Seite zeigt die Häuser Nr. 32 und 30 und muss etwa um 1920 entstanden sein. Das Haus Nr. 30 wurde im Jahre 1928 abgerissen, ein weiter zurückliegendes Gebäude blieb bis 1951 stehen. bstr_228 In diesem Jahr wurde auf dem Grundstück ein neues Büro- und Wohngebäude für den Herdbuchverband Angeln errichtet. Von 1965 bis zum Umzug in das neue Sparkassengebäude in der Großen Straße hatte hier der Bezirkskommissar der Landesbrandkasse (heute Provinzial) seine Büroräume.

bstr_216 Das Haus Nr. 32, das bereits um 1700 gebaut wurde, war ursprünglich eine zu Dollrotthof gehörige Schäferkate. 1881 wurde es von der Familie Drews aus Böel erworben, um hier eine Gärtnerei einzurichten. 1911 musste das inzwischen stark baufällige Strohdachhaus abgerissen werden. An seiner Stelle wurde das auf dem alten Foto zu sehende neue Haus errichtet. Bis in die 70er Jahre betrieben die Geschwister Drews die Gärtnerei mit den Gewächshäusern am Peter-Claussen-Weg und dem Ladengeschäft in der Bahnhofstraße. Danach wurde der Betrieb von Manfred Steinbach weitergeführt, in den letzten Jahren war er verpachtet, bis das Blumengeschäft 2010 in den neuen Pflanzenmarkt von Gläser in der Schleswiger Straße umzog.

bstr_217 Auf dem Gelände des Hauses Nr. 36 baute der Baumeister Peter August Henningsen 1989 eine Böttcherwerkstatt und einen Stall. 1897 wurde dann hier auch das Süderbraruper Elektrizitätswerk gebaut, das viele Jahre Süderbrarup mit Strom versorgte. 1937 siedelte sich dann die Speditionsfirma Karl Jürgensen hier an. bstr_218 Nach dem zweiten Weltkrieg wuchs das Geschäft ständig an und Jürgensen gründete eine Zweigniederlassung in Hamburg. 1979 umfasste der Fuhrpark 10 große LKW und 10 Nahverkehrsfahrzeuge. Ein täglicher Linienverkehr zwischen Süderbrarup und Hamburg bediente die Städte Flensburg, Schleswig und Rendsburg. In den 90er Jahren siedelte das Unternehmen wegen der besseren Autobahnanbindung nach Schleswig um.

bstr_219 1994 übernahm Frank Mick das Gelände. Das an der Bahnhofstraße liegende Kontorhaus der Firma Jürgensen wurde zum reinen Wohnhaus umgebaut. In die auf dem Hof gelegene alte Speditionshalle zog von 1996 bis 1998 das Jugendzentrum ein. Nach Umbau der Halle war hier bis 2003 das italienische Restaurant La Pergola. Heute wird das Gebäude als Lagerplatz der Zeltgastronomie Mick und von einer Sprachtherapie-Praxis genutzt.

bstr_220 Im Haus Nr. 38, das 1928 erbaut wurde, befand sich bis zum Tode des Elektromeisters Walter Büchmann im Jahre 1978 das Elektrogeschäft Büchmann. Die Werkstatt befand sich auf dem Hof. Später war hier noch für einige Zeit die Zoohandlung Horstmann. Heute wird das Haus nur noch als Wohnhaus genutzt.

bstr_221 Das Haus Nr. 50 wurde bereits Mitte des 19. Jahrhunderts erbaut. In dem kleinen Anbau auf der linken Gebäudeseite hatte lange Jahre der Bäckermeister Werner Schaper aus der Schleswiger Straße eine Filiale. Zur Zeit befindet sich in dem Ladenlokal ein Naturkostgeschäft.

bstr_222 Jenseits der Einmündung der Bachstraße in die Bahnhofstraße liegt das Haus Nr. 52. Es wurde 1893 erbaut und beherbergte zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Fischräucherei. Später wohnte hier der ehemalige Süderbraruper Marktmeister Müller, der ein Elektrogeschäft betrieb. Nach dem zweiten Weltkrieg übernahm der Rundfunkhändler Runge das Geschäft. Erwähnenswert ist das Haus auch deshalb, weil hier 1919 der bekannte Schauspieler Benno Hoffmann unter dem Namen Bernhard Adolf Martin Bodmann geboren wurde. Hoffmann, der 2005 verstarb, war neben seiner Bühnen- und Filmkarriere in vielen Fersehrollen zu sehen, unter anderem in dem Durbridge-Krimi „Die Schlüssel“.

bstr_223 Das ursprüngliche Haus Nr. 56, das direkt an der Bahnhofstraße stand, wurde ca. 1850 erbaut und brannte 1908 ab. Das jetzige Haus Nr. 58 diente ursprünglich als Stall und Scheune für das davorstehende Strohdachhaus. Im Jahre 1955 kaufte der als Flüchtling nach Süderbrarup gekommene Schlachtermeister und Viehhändler Franz Mick das Gelände und baute 1956/57 das Ladengeschäft aus. Das Schlachthaus befindet sich auf dem Hinterhof und erstreckt sich mit Nebengebäuden bis zur Bachstraße. Die Schlachterei wurde noch bis in die 90er Jahre vom Sohn Franz Mick jun. betrieben. Heute steht das Ladengeschäft leer.

bstr_224 Damit sind die ehemaligen Geschäfte auf dieser Seite der Bahnhofstraße eigentlich alle aufgezählt. Erwähnt werden sollte aber noch das Haus Nr. 78, das zwischen dem Eingang zum Thorsberggelände und der Kreisbahnstrecke nach Kappeln lag. Dieses laut Chronik schon um 1740 erbaute Haus war nach dem zweiten Weltkrieg der Firmensitz des Fuhrunternehmers Franz Brandt. Brandt erledigte zuerst mit seinem Zweispänner-Pferdefuhrwerk, später mit seinem grauen Kleinlaster diverse Transportaufträge in und um Süderbrarup. In den ersten Jahren lieferte er unter anderem auch Kohlen aus. Ich erinnere mich noch, wie der eher schmächtige Brandt mit rußverschmiertem Gesicht die schweren Kohlensäcke in die Häuser schleppte. Später betrieb hier Brandts Sohn Alberto noch für einige Zeit einen Taxi-Dienst, bevor das Haus 1991 abgerissen und an seiner Stelle ein großen Wohnhaus errichtet wurde.

Normalerweise wäre unsere Tour durch die Bahnhofstraße damit beendet. Doch dieses Mal gibt es etwas Besonderes: Wer möchte, kann mit Hans Heinrich Hennings eine (gefilmte) Autofahrt durch die Bahnhofstraße machen, und zwar einmal 1983 und einmal 1995.

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